Ziegenmilch als Säuglingsnahrung ungeeignet

Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin
http://www.dgkj.de 27.10.2002:

Säuglingsnahrung auf Ziegenmilchbasis

Stellungnahme der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin

Hans-Josef Böhles, Jobst Henker, Mathilde Kersting, Berthold Koletzko (Vorsitzender), Michael J. Lentze, Reinhard Maaser, Friedrich Manz, Frank Pohlandt, Hildegard Przyrembel (Gast)

Aus Ziegenmilch hergestellte Nahrungen für Säuglinge werden in jüngerer Zeit verstärkt beworben . Diese Nahrungen werden vom Hersteller zur Ernährung gesunder, nicht gestillter Säuglinge sowie als therapeutische Nahrung bei Kuhmilcheiweißallergie empfohlen.

Zusammensetzung
Als Zutaten der Trockenprodukte werden feste Bestandteile der Ziegenmilch und Ziegensahne, Milchzucker, Pflanzenöle, Vitamin- und Mineralstoffmischungen sowie Cholinchlorid und Taurin angegeben. Die Gehalte an Energie und Nährstoffen einschließlich Folsäure in den angebotenen Produkten entsprechen quantitativ der EG-Richtlinie bzw. der Diätverordnung für Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung

Lebensmittelrecht
Nach den Richtlinien der Europäischen Union ist Ziegenmilch (im Gegensatz zu Kuhmilch und Sojaproteinisolaten) als Proteinquelle für Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung nicht zugelassen. Angaben für eine therapeutische Verwendung bei Kuhmilcheiweißallergie sind für Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung nicht erlaubt. Für bilanzierte Diäten sind derartige Aussagen nur zulässig, wenn eine entsprechende Wirksamkeit nachgewiesen wurde. Die "Bambinchen"-Produkte werden vom Hersteller unter der Bezeichnung "Diätetisches Lebensmittel für Säuglinge auf Ziegenmilchbasis" angeboten.

Indikation
Werbeprospekte zu den hier in Rede stehenden Produkten behaupten u. a. wesentliche Unterschiede der Proteinzusammensetzung von Ziegenmilch und Kuhmilch und eine insgesamt bessere Verträglichkeit der Ziegenmilch. Tatsächlich sind der Proteingehalt und die Anteile der Proteinkomponenten (alpha- und beta-Lactalbumin, Serumalbumin, Casein) in Ziegenmilch und Kuhmilch ähnlich. In Ziegenmilch fehlt das in Kuhmilch enthaltene Alpha-S1-Casein (2). Kontrollierte klinische Studien zur Verträglichkeit von Ziegenmilch bei Säuglingen fehlen.
Die Allergenität von Ziegenmilch und kuhmilchbasierter Säuglingsmilchnahrung zeigt, entgegen den Werbebehauptungen zur therapeutischen Eignung der Ziegenmilchnahrungen, bei in vitro Untersuchungen sowie in klinischen Studien praktisch keine Unterschiede (3, 4). Im doppeltblinden, plazebokontrollierten Provokationsversuch bei Kindern mit IgE positiver Kuhmilchallergie fand sich eine hohe Kreuzallergenität von Kuhmilch und Ziegenmilch (5). ESPACI und ESPGHAN lehnen deshalb die Verwendung von nichtmodifizierter Tiermilch einschließlich Ziegenmilch zur Behandlung und zur Prävention einer Kuhmilcheiweißallergie im Säuglingsalter ab (6).

Zusammenfassung und Empfehlung

Literatur
  1. Richtlinie der Kommission vom 14. Mai 1991 über Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung (91/321/EWG). Abl. Nr. L175 vom 4.7.1991. S.35-49.
  2. Covenay J, Darnton-Hill I (1985) Goat's milk and infant feeding. Med J A 143: 508-509.
  3. Gjesing B, Osterballe O, Schwartz B, Wahn U, Lowenstein H (1986) Allergen-specific IgE antibodies against antigenic components in cow milk and milk substi-tutes. Allergy 41:51-56.
  4. Dean TP, Adler BR, Ruge F, WarnerJO (1993) In vitro allergenicity of cow's milk substitutes. Clin Exp Allergy23: 205-210.
  5. Bellioni-Businco B, Paganelli R, Lucenti P, Giampietro PG, Herborn H, Businco L (1999) Allergenicity of goat's milk in children with cow's milk allergy; J Allergy Clin Immunol 103:1191-94.
  6. ESPACI, ESPGHAN (1999) Dietary products used in infants for treatment and pre-vention of food allergy. Joint statement of the European Society for Paediatric Al-lergology and Clinical Immunology (ESPACI) Committee on Hypoallergenic For-mulas, and the European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN) Committee on Nutrition. Arch Dis Child 81:80-84.

Korrespondenz:
Univ.-Prof. Dr. med. Berthold Koletzko
Abt. Stoffwechselerkrankungen und Ernährungsmedizin
Dr. von Haunersches Kinderspital
Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München
Lindwurmstr. 4, D-80337 München
FAX (089) 5160-3336
(Monatsschrift Kinderheilkunde 150, 2002, S. 1110-1111)

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