Die ausrangierte Mutter
- Eine wahre Geschichte -

von Ulla de Pellegrini

Meine Tochter aus dem Internet wird mich von ziemlich weit her bald besuchen. Wenn ich daran denke, bin ich schon jetzt ganz schön aufgeregt. Ich habe in den letzten Wochen Socken für sie gestrickt. Seit ein zwei Jahren drücke ich meine Sympathie für jemanden in selbstgestrickten Socken aus...

Wie bekommt man eine Netztochter? - Ich war sehr unglücklich in jenen Tagen und beschloss für mich, diese Traurigkeit, diese Depression, diese Unwegsamkeiten einfach öffentlich zu machen! "Ich werde eine Website im Internet gestalten". Ich stellte an meine Seite keine hohen technischen oder grafischen Ansprüche, sie sollte funktionell und stimmig sein, ein paar Bilder und viele Texte aufnehmen können. Meinen Frust eben!

Das Ergebnis wurde von einer jungen Frau im Osten des Landes gelesen und sie schrieb mir offene und liebevolle Mails dazu. Sie war so verständnisvoll und verstand den Nerv meiner Verwundungen wie kaum jemand zuvor, sodass ich ihr eines Tages aus vollem Herzen anbot, ob sie denn nicht meine Tochter sein wolle, wo doch meine wirkliche weit weg und unerreichbar für mich sei... Gabi - das entnahm ich ihrer wunderschönen Webseite - verlor ihre Eltern früh und war dem Gedanken, eine Netzmami zu haben, nicht abgeneigt. War natürlich auch eine gewisse Alberei dabei.

Wir haben uns jetzt für Anfang Oktober verabredet. Sie wird mich in meiner Stadt besuchen, ich freue mich sehr darauf und bin gerade dabei, ein weiteres Paar Socken zu stricken, für ihre kleine Tochter... Weit bin ich noch nicht, aber jede Masche bringt mich zum Nachdenken, jede Masche ist ein Versuch für mich zu klären, warum ich mit beiden meiner Kinder gescheitert bin und warum ich hier alleine sitze, für ein kleines Mädchen, das ich gar nicht kenne, ein paar Strümpfe stricke...

Ich war 24 als meine Zwillinge zur Welt kamen, aus meiner heutigen Sicht einfach zu früh! Man ist mit 24 einfach nicht reif, Kinder in die Welt zu setzen. Biologisch vielleicht schon, aber geistig bestimmt nicht! Trotzdem habe ich mich schnell in die Rolle rein gelebt, meine Interessen, die da Beruf, Tanzen, Party, Hobbys hießen, habe ich leichten Herzens aufgegeben, um diese kleinen Wesen anständig in die Höhe zu bringen. Ihr Vater war dem Alkohol sehr zugetan, mir war er weder Hilfe noch freute er sich an seinen Babys! Er sagte einmal vermeintlich scherzhaft: "Die interessieren mich erst, wenn sie mir Bier und Zigaretten holen können..." Der Vater meiner Kinder war aber kein billiger Kutscher, sondern ein angehender Jurist... und es sollte sich herausstellen, dass dieser spaßige Satz doch sehr ernst zu nehmen war!

Ich ließ mich bereits ein Jahr, nachdem die Kinder geboren waren, scheiden. Eine gute, allein erziehende Mutter wollte ich sein, war froh, dass mich meine Eltern so sehr unterstützten, auch mein Bruder kümmerte sich in den ersten Jahren liebevoll um seinen Neffen und seine Nichte. Wir haben die erste Schulzeit sehr gut überstanden. Wichtig war für mich immer, viel mit meinen Kindern zu sprechen, keine Frage von ihnen unbeantwortet zu lassen. Wir bekamen viele Komplimente, meine Kinder für ihre Höflichkeit, ihr soziales Engagement in ihren Klassen, ich dafür, dass ich so tolle Kinder hätte und mein Stil der Erziehung sehr anerkannt wurde. So oft konnte ich unglaublich stolz sein!

Die Pubertät meiner Tochter brach mir zum ersten Mal das Genick. Ich war meinem eigenen Kind nicht mehr gewachsen. Sie forderte nur noch, verstand meine Ablehnung, wenn es um Partys und Treffen spät abends ging, als Hass und falsches Machtspiel gegen sich, es war eine ganz schlimme Zeit und sie zog auch viel zu früh von zu Hause weg. Mein Sohn war ein lieber Kerl zur damaligen Zeit, noch viel weniger entwickelt wie seine Schwester (das ist einfach eine Tatsache, dass Jungen viel später erwachsen werden). Er verstand die Welt nicht mehr und der arme Kerl wusste nicht, wem er Recht geben sollte, wollte das auch nicht, weil er Mutter und Schwester zu jener Zeit sicher gleichermaßen liebte. Auch ich war noch nicht erwachsen genug, ihn da vollkommen raus zu halten, ich hätte ihn viel zu gerne und viel zu oft "auf meiner Seite" gehabt. Er machte sein Abitur ein Jahr nach seiner Zwillingsschwester.

Ich eröffnete beiden Kindern, dass ich in ein paar Jahren nach Afrika auswandern wollte und sie sich sputen sollten, wenn sie noch eine Berufsausbildung oder ein Studium von mir mitfinanziert haben wollten. Es geschah nichts... Ich wanderte aus, um ein Jahr später völlig desillusionisiert mit ein paar schmutzigen Taschen, die mir von einem 40 ft Container geblieben waren, zurück zu kommen und völlig von vorne anfangen musste. Danach ging es eine ganze Weile ganz gut mit uns allen dreien, wir schienen erwachsen geworden zu sein... Mein Sohn war kein Mamakind, aber auch einfach nicht zum Konflikt geboren, so hielt er sich auch ziemlich gekonnt aus allem heraus, was eine Meinung oder Stellungnahme von ihm verlangt hätte. Mit meiner Tochter begann das alte Spiel wieder, mal sehr nahe, mal Lichtjahre entfernt... Das kostete immense Kraft. Als ich von Afrika wieder nach Hause kam, hatte ich das Glück meine alte Arbeitsstelle wieder zu bekommen, obwohl ich da ja immerhin auch schon 47 Jahre alt war!

Meine Kinder waren damals 23 und außer ihrem Abitur war noch nicht viel zur persönlichen Weiterentwicklung hinzu gekommen. Abgebrochenes, Wiederbegonnenes, erneut Verworfenes. Es würde ein Buch füllen (vielleicht schreibe ich es noch?), die Auf's und Ab's unserer Beziehung, wobei die zu meinem Sohn bei weitem die stabilere war. Selbst noch mit "Nabelschnurtrennen" konfrontiert, wollte ich mich neu orientieren. Auf ein Leben nach der "Brutaufzucht". Da ist man dann 47 Jahre alt, wünscht sich vielleicht so etwas wie eine Freundschaft mit den Kindern, eine gewisse Unterstützung bei allen möglichen gemeinsamen Fragen und erlebt dann die totale Isolation, die zwanghaften Treffen, ohne Lust und Freude! Ich kann ganz gut kochen, ich glaube zum Essen kamen sie noch gerne... um dann aber gleich nach dem letzten Bissen wieder zu verschwinden. Was habe ich um Gottes Willen falsch gemacht? Warum ist es so gelaufen?

Heute bin ich ganz schön krank, alleine gelassen mit der Frage, wozu habe ich Kinder in die Welt gesetzt? Ich finde mich - zumal das bei meinen Eltern ganz anders war - nicht damit ab, dass man Kinder nur für deren Erwachsenwerden an seiner Seite hat, sie später ihr eigenes Leben leben. Dieses eigene Leben würde ich zu 100 Prozent akzeptieren, wenn ein freundliches, respektvolles und liebevolles Nebeneinander mit der Mutter, auch mit dem Vater, möglich wäre!

Ich fühle mich ausrangiert, habe aber gottlob durch meine Website viele neue Freunde gefunden und vor allem aber auch viele Mütter gesprochen, denen es ähnlich ergeht wie mir, die diese Tatsache der Ausgrenzung genauso sprachlos betrachten wie ich.

Deshalb bin ich so nervös, meine "Netztochter" zu treffen. Vielleicht hat diese Tochter mich ja ein bisschen lieb?


Ulla de Pellegrini
www.altweibersommer.de

September 2002

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