Die Bindung zwischen Mutter und Kind, oder dessen Hauptbezugsperson gestaltet sich immer aus der Handlung beider Beteiligter zusammen. So kann das Kind nicht inniger mit seiner Muttert sein als diese es zuläßt, und umgekehrt ist die Mutter mit ihrer Gabe an Bindung und Feinfühligkeit auf die Mitwirkung ihres Kindes angewiesen. Das auch das Kind Innigkeit erschwert, wird spätestens bei schwerwiegenderen Störungen wie etwa Autismus deutlich.
Ist die Mutter bei dem Neugeborenen besonders auf ihre nonverbalen Fähigkeiten angewiesen um die Bedürfnisse nach Ruhe oder Zuwendung zu erkennen, kann das Kind mit zunehmender Mobilität aktiver seine Bedürfnisse deutlich machen. Ab diesem Zeitpunkt wird auch deutlicher, daß die Bindungen zwischen Mutter und Kind mit einem Gummiband verglichen werden kann, das den Abstand der beiden Beteiligten zueinander permanent neu regelt und der Situation anpasst.
Fühlt sich das Kleinkind in einer Situation etwa sicher genug um sich von seiner Mutter wegzubewegen und die nähere Umgebung zu erforschen, kann das Auftauchen eines Fremden sofort das Bedürfnis nach einer Neuregulierung des Abstandes auslösen: Das Kind läuft zu seiner Mutter. Spielt das Kind in der Nähe einer Straße, wird die Mutter die Nähe des Kindes suchen um eine größere Sicherheit herzustellen. Bindung wird folglich von beiden gemeinsam aufgebaut.
Im günstigsten Fall werden Mutter und Kind sich insoweit einigen, daß dem Kind eine zufriedene Exploration (Erforschung seiner Umwelt; Loslösung von der Mutter) ermöglicht wird und eine willkommene Rückkehr wieder die Nähe und Sicherheitsbedürfnisse stillt.
Störungen: Eine Mutter die massiv die Entfernungswünsche ihres Kindes behindert, wird ihrem Kind den Abschied nur mit Schuldgefühlen oder Aggression ermöglichen. Eine gesunde Loslösung wird erschwert und das Kind wird zu Passivität gezwungen.
Die Mutter die ihr Kind freudig losläßt, dafür aber passiv und ablehnend bei seiner Rückkehr reagiert, wird dem Kind das Gefühl vermitteln nicht angenommen zu sein. Dessen Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung werden nicht gestillt. Verwahrlosung kann die Folge sein.
Aus meiner Praxiserfahrung weiß ich, daß die perfekte Übermutter nicht existiert. Das muß sie auch nicht, denn das Kind ist kein passives Wesen sondern kann seine Bedürfnisse deutlich machen und die Beziehung mitgestalten. Müttern, die selbst merken, daß sie ihr Kind schlecht loslassen können, empfehle ich die in den meisten Städten angebotenen Minikindergärten, die in kleinem Rahmen von etwa 3-6 Stunden pro Woche das Loslassen für beide Seiten üben helfen und so das "große" Losslassen in Schule und Kindergarten erleichtern. Es ist zu empfehlen darauf zu achten, daß geschultes Personal die Kinder betreut.
Auch Müttern die sich nicht zufrieden oder ausgefüllt dabei fühlen auf ihre Sprösslinge den ganzen Tag aufzupassen, bin ich in meinen Einrichtungen öfters begegnet. Dafür muß niemand ein schlechtes Gewissen haben, die meisten Mütter möchten neben ihren Kindern einige Zeit zur eigenen Gestaltung haben. Das Abgeben in einer Krabbelstube wirkt hier entlastend. Die Mutter kann den Vormittag für sich nutzen und wird auch von der Mittagessenssituation entlastet. In den meisten Fällen entwickelt sich dafür in den Nachmittagsstunden eine entspannte Mutter-Kind-Beziehung.
Im internationale Vergleich unterscheidet sich die Erziehung erheblich. Gerade die Deutschen fallen dabei auf, weil sie stärker als andere Kulturen darauf Wert legen, daß sich ihre Kinder alleine beschäftigen können und auf ihre Eltern "hören". Hier wird in größerem Maße "Bindung" nicht mit körperlicher Nähe verbunden. Nähe wird von vielen Müttern eher als "klebrig" erlebt. Anders als in Japan, in dem traditionelle Mütter das Kind eng an sich binden und eine zu große Umwelterforschung eher verhindern. Hier existiert auch das Konzept von "Amae", daß das Bedürfnis ausdrückt sich in der Nachsicht eines anderen zu sonnen. Dieses Bedürfniss wird als ein Leben lang bestehend angesehen und ermöglicht es etwa auch erwachsenen Männern Amae auszuleben.
Auch der Vergleich zwischen USA und Asien ist interessant. Während das familiäre Miteinander asiatischer Familien, in denen auch kleine Kinder mit im Haushalt helfen, deren soziale Fähigkeiten erhöhen, ist die Erziehung in den USA dem eher hinderlich. Die einzige Aufgabe im Haushalt, das Kinderzimmer aufzuräumen, wird von den Kindern nicht als Hilfe für die Familie empfunden. Im sozialen Miteinander wird hier vor allem der Wettbewerb gefördert, wärend in Asien auf das miteinander geachtet wird.
Das Verständnis von Bindung und Nähe im internationalen Vergleich, obwohl hier nur angeschnitten, zeigt die unterschiedliche Handhabung von Nähe und Bindung in den verschiedenen Kulturen.
Wer wie ich sein Kind (wie von der WHO enpfohlen) über das zweite Lebensjahr hinaus stillt, im eigenen Bett schlafen läßt und von anfang an selbst entscheiden läßt ob und wann es sich aus der Nähe der Mutter löst, wird sich u. U. einer unverständlichen Umwelt gegenüber sehen. Hierbei hilft der Blick in andere Kulturen, Müttern Mut zu machen, neue (alte) Wege in der Kindererziehung zu gehen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es funktioniert ganz wunderbar! Mein Kind ist auf allen Ebenen ganz wunderbar gediehen und es klebt kein Stück.
Aber auch wer nicht alle Rekorde im Dauerstillen brechen möchte, muß kein schlechtes Gewissen haben. Lassen Sie Ihrem Kind Zeit, neue Rituale zu finden und schaffen Sie ihm andere Oasen der Zärtlichkeit. Bindung findet auf vielen Ebenen statt.
Literatur:
Bindungstheorie:
Zach, U. (1997) "Entwicklungsbedingungen von Bindungsmustern". Dissertation, Universität Osnabrück.
Keller, H.(2002) "Development as the interface between biology and culture. A conceptualisation of early ontogenetic experiences". In H. Keller, Y. H. Poortinga & A. Schölmerich (Eds). Between culture and biology. Cambridge University Press.
Rothbaum F., Weisz J., Pott, M., Miyake K., Morelli, G. "Attachment and culture". American Psychologist (2000), 1093-1104.
Bowlby, J. R. "Frühe Bindung und Kindliche Entwicklung" (2001)
Weiterführend:
Ehlhardt S. "Tiefenpsychologie" Verlag Kohlhammer (2001)
Amae:
Vereijken, C. M. "The mother-infant relationship in Japan" Labyrint-Publ. (1996)
Vergleich USA und Asien:
Whiting B., B. and Whiting J., W., M. "Children of six cultures"
Die Autorin:
Nicole Schmitt, geboren 1970, Erzieherin seit 1992 in Oberursel
Dipl. Pädagogik Oktober 2002 Uni Frankfurt
Geburt der Tochter Rosa am 27.08.01
Arbeitsgebiete / Themen:
Vorwiegend Krabbelstuben und Kinderläden,
integrative Einrichtungen und Sonderschulen:
Positive Erziehung von Kleinkindern (auch unter Einsatz von Liedern, Fingerspielen); Unterschiedliches Geschlechterverhalten und Erziehung; Beschneidung von Mädchen in Afrika; Kindheitsgeschichte (Ariès, DeMause); Behinderte Kinder in der Einrichtung; Lieder, Bastelangebote, Spielangebote; Diverse Erziehungsprobleme mit Kleinkindern u.v.m.
October 2003
zurück
|
|
|
© 2000-2010 Geburtskanal ™
Impressum Aktualisiert: 12.04.2012 webmaster@geburtskanal.de |
|
|
Aktuelles Artikel Kurzmeldungen Gesundheit Unterhaltsames Aufgelesen Veranstaltungen Archiv |
|
Wissen A-Z Umfassende Wissensbasis zu Familienplanung, Schwangerschaft, Geburt und Leben mit Kindern |
|
Hot News Brandaktuelles In eigener Sache Newsletter ...und mehr |
|
Suchen & Finden im unserem Fachleute-Verzeichnis: Hebammen, -praxen Geburtshäuser Fachärzte/-innen Kliniken und Institutionen ExpertInnen der Frauen- und Familiengesundheit Organisationen und BeraterInnen Selbsthilfegruppen ...und mehr |
|
Literatur Themenspezifische Bücherlisten Buchbesprechungen Neue Bücher Unsere Buch-Tips Aktuelle Fachliteratur Besonderes J |
|
Pinnwand Kontakte Marktplatz Tauschbörse Geburtsanzeigen ... kostenlos inserieren |
|
Bildergalerie Kinder der Welt Wie Leben entsteht Fotokunst Malerei Eindrücke Abbildungen ... und mehr |
|
Bequem Einkaufen Online Shops Neue Produkte Besondere Angebote Unsere Empfehlungen Anbieter-Verzeichnis |
|
Über uns Impressum Unsere Zielsetzung Mitmachen ? Service - Kontakt Kooperationen Werbung - Statistik Rechtliches |
|
Links Linksammlungen zu verschiedenen Themenbereichen |