Mütter mit Behinderung
von Gisela Hermes
Mutterschaft behinderter Frauen - ein Bruch mit der gesellschaftlichen Rollenzuschreibung.
Noch immer existieren in unserer Gesellschaft sehr klare, festgefahrene Vorstellungen von behinderten Menschen und auf der anderen Seite strenge Erwartungen an Eltern, vor allem an Mütter. Diese Vorstellungen sind so gegensätzlich, daß sie sich gegenseitig ausschließen.
Behinderte Menschen werden als abhängig, unselbständig, als nicht entscheidungs- und leistungsfähig gesehen. Sie werden in der Regel nicht gefragt, wie sie leben wollen - ihnen werden Lebensbedingungen "verordnet". Die Vorstellung, daß behinderte Frauen Sexualität leben und attraktive Partnerinnen sein könnten, erscheint der nichtbehinderten Umwelt geradezu absurd.
Dem Bild der unselbständigen, unattraktiven Behinderten steht das Bild der heutigen Mutter konträr gegenüber. Von ihr wird erwartet, daß sie in der Lage ist, die Alleinversorgung der Kinder zu übernehmen, den Haushalt zu schaffen und das alles mit einem Job in Einklang zu bringen.
Mit diesen Bildern im Kopf können sich nichtbehinderte Menschen nicht vorstellen, daß behinderte Frauen in der Lage sind, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Im Gegenteil - viele Frauen mit Behinderung machen die Erfahrung, daß von ihnen regelrecht erwartet wird, keine Kinder zu bekommen. Ihnen wird im Falle einer Schwangerschaft von Verwandten, Freunden und Ärzten geraten, eine Abtreibung oder Sterilisation durchführen zu lassen.
Entscheiden sie sich dennoch für ein Kind, haben sie oft gegen sehr hartnäckige (Vor)Urteile gegenüber ihrer "Eignung" als Mutter anzukämpfen. Vorstellungen wie: behindert ist gleich krank; wer behindert ist, ist selbst abhängig von der Hilfe anderer, und hat deshalb kein Recht Kinder in die Welt zu setzen und ggf. den Staat zusätzlich zu belasten; behinderte Frauen bekommen immer behinderte Kinder; Frauen mit Behinderung können ihren Kindern keine guten Mütter sein; die Kinder sollen nur als billige Hilfskräfte ausgenutzt werden, gehören zu den gängigen Vorurteilen.
In den letzten Jahren hat die Zahl behinderter Mütter trotz gesellschaftlicher Vorurteile und Barrieren zugenommen. Doch ihre Situation ist nicht rosig.
Durch die großen Rollenerwartungen, die auf der einen Seite gegenüber behinderten Menschen und auf der anderen Seite gegenüber Müttern bestehen, entsteht für viele Mütter mit Behinderung ein unglaublich großer Druck. Sie müssen nach außen hin ständig beweisen, daß die bestehenden Vorurteile gegenüber ihren Mutter(un)fähigkeiten nicht stimmen. Nur allzu oft haben behinderte Mütter Angst, in irgendeiner Form negativ aufzufallen. Sie verzichten lieber auf nötige Unterstützung, damit niemand ungebeten in ihre Erziehung eingreift und fordern selten offensiv, daß auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. Stattdessen bemühen sich Mütter mit Behinderung möglichst unauffällig zu sein und dem Bild der idealen Mutter (das auch schon für nichtbehinderte Mütter eine Überforderung darstellt) möglichst nahe zu kommen. Mütter mit Behinderung sind fast unsichtbar.
Die Kehrseite dieses Verhaltens ist, daß sich nichts verändert. Nur wenn behinderte Mütter selbstbewußt auf ihre Lebensbedingungen aufmerksam machen und aufzeigen wo und wann sie Unterstützung brauchen und welche Barrieren sie in ihrem Alltag mit Kindern behindern, können sie dazu beitragen, so wahrgenommen zu werden wie sie sind: als Mütter mit speziellen Lebensbedingungen. Und Barrieren gibt es viele:
Weil bei behinderten Frauen nicht mit einer Mutterschaft gerechnet wird, sind alle Bereiche, die mit dem Kinder gebären und auch der Erziehung/Freizeitgestaltung mit Kindern zu tun haben, nicht auf deren Bedürfnisse eingerichtet. Es gibt kaum FrauenärztInnen, die für Rollstuhlfahrerinnen zugänglich sind, gynäkologische Abteilungen in Krankenhäusern sind nicht auf behinderte Mütter eingerichtet. Krabbelgruppen, Kindergärten, Schulen und Träger von Kontakt- und Freizeitangeboten sind für körper- und sinnesbehinderte und für gehörlose Eltern meist "unzugänglich" und somit ist die Isolation groß. Nicht nur die behinderten Menschen selbst, sondern auch ihre Familien werden ausgegrenzt.
Schwangerschaft und Geburt
In der Studie "Gehörlose Frauen 95" wird festgestellt, daß die Situation für diese Gruppe von Müttern während Schwangerschaft und Geburt häufig sehr frustrierend, beängstigend und auch entwürdigend ist. Fast 40% der befragten gehörlosen Mütter wurden nicht über ihre Schwangerschaft aufgeklärt. Noch krasser ist die Situation während der Geburt. 49,3% der gehörlosen Frauen können die Ärzte während des Geburtsvorganges nur etwas und 8,6% gar nicht verstehen! In den meisten Fällen (70,6%) haben die Frauen sich in froher Erwartung auf die Geburt vorbereitet und wurden während des Geburtsvorganges schwer von den Ärzten enttäuscht. Die Ärzte nehmen wenig Rücksicht auf das schwierige Kommunikationsverhältnis mit gehörlosen Frauen.
Die Schwierigkeiten für körperbehinderte Frauen liegen auf einer anderen Ebene. Sie haben keine freie Arzt- und Klinkwahl, weil Stufen, fehlende Aufzüge und zu schmale Türen ihnen oft den Zugang versperren.
Häufig stoßen schwangere Frauen mit Behinderung auf ÄrztInnen, die ihnen gegenüber, genauso wie andere nichtbehinderte Menschen, große Vorurteile haben und deshalb ablehnend reagieren. MedizinerInnen fehlt das Wissen darüber, wie sich eine Behinderung auf Schwangerschaft und Geburt auswirkt. Deshalb entbinden überdurchschnittlich viele behinderte Frauen mit per Kaiserschnitt.
Der Alltag
Im Alltag stoßen behinderte Mütter auf sehr unterschiedliche Schwierigkeiten, die ihnen das Leben erschweren. Man kann die schwerwiegendsten Einschränkungen, die fast alle behinderten Mütter mehr oder weniger betreffen, in drei Bereiche einteilen:
1) Bauliche Barrieren und eingeschränkte Mobilität, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Zugänglichkeit bedeutet nicht nur einen Ort erreichen zu können, sondern auch soziale Wahlmöglichkeiten zu haben und eigene Entscheidungen treffen zu können.
Durch mangelnde Mobilität werden nicht nur die Mütter mit Behinderung ausgegrenzt. Auch die restlichen Familienmitglieder sind davon in irgendeiner Art und Weise betroffen. Oft werden auch sie von Aktivitäten ausgeschlossen. Die Familie beschließt entweder, gar nicht an unzugänglichen Freizeitaktivitäten teilzunehmen oder die Kinder und Partner können diese nicht mit dem behinderten Familienmitglied gemeinsam erleben.
2) Arbeit zu finden und dementsprechend gute finanzielle Einnahmen zu haben. Eine der größten Barrieren für behinderte Mütter sind die hohen Kosten und fehlendes Geld, um die notwendigen Bedürfnisse wie angepaßte Wohnung, persönliche Assistenz, Kinderbetreuung und adaptierte Hilfsmittel zu erhalten. Da es kaum angemessene Hilfsmittelangebote gibt, können nur eigenen Lösungen entwickeln werden, die in der Regel selber bezahlt werden müssen. Durch eine Behinderung steigen die Kosten, die mit Elternschaft und Familie zusammenhängen. Behinderte Mütter ohne Anstellung erhalten nicht dieselben Hilfen wie erwerbstätige behinderte Menschen, um der Familienarbeit nachgehen zu können. Die Gesetzgebung zugunsten behinderter Menschen orientiert sich an einer typisch männlichen Erwerbsbiographie. So sind bestimmte Nachteilsausgleiche wie Hilfen zur PKW-Beschaffung oder Wohnungsanpassungen von Erwerbstätigkeit abhängig. Viele Mütter mit Behinderung können jedoch wegen der Familienpflichten nicht auch noch erwerbstätig sein. Wenn sie neben ihrer Familienarbeit berufstätig sein können und wollen, ist die Chance, einen Job zu finden, extrem gering. Also stehen ihnen keine staatlichen Hilfen zu.
3) fehlende Hilfsmittel und Assistenz zur Versorgung ihrer Kinder.
In den ersten Wochen/ Monaten nach der Geburt ihres Kindes braucht eine behinderte Mutter oft sehr viel Assistenz. Diese ist jedoch nicht vorgesehen.
Die Tagespflege bietet zwar eine mögliche Unterstützung bei der Erziehung der Kinder. Diese wird jedoch nicht immer gewährt und ist vom Alter des Kindes sowie von den Einkommensverhältnissen der Familie abhängig.
Vor allem fehlen jedoch auch Hilfsmittel, die den Alltag mit Baby und Kleinkind erleichtern.
Verbesserungsmöglichkeiten
Professionelle Menschen aus dem Gesundheitswesen, vor allem GynäkologInnen, Hebammen, Krankenschwestern etc. sollten sich schon während ihrer Ausbildung damit auseinander setzen, daß auch behinderte Frauen Kinder bekommen. Da es zu diesem Thema leider nur vereinzelte Informationen gibt, sollte es eine oder mehrere Stellen geben, die alle verfügbaren Informationen über die Auswirkungen einer Schwangerschaft bei verschiedenen Behinderungen, über Möglichkeiten und Hilfen während Schwangerschaft und Geburt sammeln und diese an betroffene Frauen und an Professionelle weitergeben.
Zur Versorgung von Babys und Kleinkindern fehlen geeignete Hilfsmittel. In einem Forschungsprojekt (wie in den USA und Schweden) sollten technische ExpertInnen gemeinsam mit behinderten Menschen einfache Hilfsmittel entwickeln, die für möglichst viele verschiedenen Eltern mit unterschiedlichen Behinderungen nutzbar und zahlbar sind.
Forderungen
Anschrift der Verfasserin:
Gisela Hermes
Bildungs- und Forschungsinstitut
zum selbstbestimmten Leben Behinderter - bifos e.V.
Kölnische Straße 99
D-34119 Kassel
Tel. (+49) 0 561 - 7 28 85 40
Fax (+49) 0 561 - 7 28 85 44
e-mail: service@bifos.de
www.bifos.de
www.behindertefrauen.de
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