Der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands e.V.:
- Pressemitteilung -

Ist natürliches Gebären überholt? -
Anmerkungen zum Welthebammentag am 5. Mai 2003


Frankfurt. Glaubt man den Worten führender deutscher Geburtsmediziner, so hat eine Frau heute keinen Grund mehr, sich bei einer Geburt auf Schmerzen, Angst und Unbequemlichkeiten einzulassen. Der Kaiserschnitt auf Wunsch, schnell, termingerecht und durchgeplant, wird als saubere Alternative zur natürlichen Geburt propagiert. Der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) kritisiert die Trend-Geburt hingegen als höchst fragwürdige Entwicklung, ausgetragen auf dem Rücken verunsicherter Frauen und nicht zuletzt unseres Gesundheitssystems, das die kostspieligen Operationen bisher klaglos zahlt.

Nach dem dramatischen Anstieg der Kaiserschnittrate der letzten Jahre (von 15,6 % in 1991 auf heute nahezu 25 %) kommt mittlerweile ein Viertel aller Kinder in Deutschland im Operationssaal zur Welt. Zum Vergleich: eine 10 %-Rate hält die Weltgesundheitsorganisation WHO für notwendig und propagiert im übrigen die Hebamme als die adäquate Fachfrau für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Dazu BfHD-Vorsitzende Dorothea Kühn: "Mit einem Minimum an technischen Hilfsmitteln und einem Maximum an individueller Zuwendung und fachlicher Kompetenz sind Hebammen in der Lage, eine normale Schwangerschaft zu begleiten, Beschwerden zu behandeln und Komplikationen zu erkennen."

Den unaufhaltsamen Trend zu immer mehr Technisierung und Medikalisierung eines natürlichen körperlichen Vorganges versucht die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau zu rechtfertigen. Tatsache ist jedoch, dass dieses Selbstbestimmungsrecht nur dann hochgehalten wird, wenn es um technische Eingriffe und medizinische Forschung geht.

Anders sieht es mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau aus, wenn sie z.B. bestimmte Untersuchungen ablehnt oder sich für die Betreuung durch eine Hebamme während Schwangerschaft oder gar für eine hebammenbetreute Geburt zu Hause oder im Geburtshaus entscheidet. Dann lassen sich FrauenärztInnen nicht selten Bescheinigungen unterschreiben, dass sie über Risiken einer außerklinischen Geburt aufgeklärt haben und suggerieren den Frauen damit, in unverantwortlicher Weise sich und ihr Kind in Gefahr zu bringen. Qualitätsstudien über außerklinische Geburten, die in Deutschland seit Jahren vorliegen und für normal verlaufende Geburten ein geringeres Risiko belegen, werden dabei systematisch ignoriert.

Auch in der Kostenfrage wird mit zweierlei Maß gemessen. Seit der Anerkennung der Wunschsektio durch die DGGG gilt der Wunsch der Frau nach einem Kaiserschnitt als ausreichende Indikation; die Kosten (mit mehr als 3.000 Euro mindestens doppelt so hoch wie eine normale Krankenhausgeburt und um ein Vielfaches höher als eine Hausgeburt) tragen sowohl gesetzliche wie auch private Krankenversicherungen. Eine Frau hingegen, die sich für eine außerklinische Geburt in Begleitung einer Hebamme entscheidet, bleibt auf einem Grossteil der entstandenen Kosten sitzen: die meisten gesetzlich versicherten Frauen müssen die Betriebskosten des Geburtshauses (150 bis 500 Euro) größtenteils selbst zahlen, die Rufbereitschaft der Hebamme zum Geburtstermin (150 bis 300 Euro) zahlen sie in jedem Fall.

"Schwangerschaft und Geburt sind zu einem Geschäft geworden, bei dem viele verdienen - die Frau zahlt dafür mit Verunsicherung und Aufgabe ihres Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit", klagt die Hebamme und Journalistin Jutta Ott-Gmelch. Die körperlichen Folgen eines Kaiserschnitts bleiben bei den Befürwortern der Lifestyle-Geburt nämlich unerwähnt. Als massiver operativer Eingriff birgt ein Kaiserschnitt jedoch signifikant höhere Risiken einer Thrombose oder Lungenembolie; die Sterblichkeitsrate nach Kaiserschnitten, wie gering auch immer, ist deutlich höher als nach natürlichen Geburten. Auch das Risiko, bei einer weiteren Geburt Komplikationen zu erleiden, steigt durch einen Kaiserschnitt.

Ist natürliches Gebären überholt?
Hintergründe und Überlegungen zum sogenannten "Wunschkaiserschnitt"


von Jutta Ott-Gmelch, Frankfurt/Main, Hebamme und Journalistin

Täglich wird in verschiedensten Fernsehprogrammen mit Bildern von Geburten Quote gemacht; dabei wird beim Live-Kaiserschnitt mit Zoomaufnahmen in den geöffneten Bauch und selig-lächelnden bleichen Frauen auf dem OP-Tisch der Anschein erweckt, es handele sich um eine ganz normale, nur eben etwas "modernere" Geburt.

Der ganze Artikel steht unter http://www.bfhd.de/presse.htm zum Download bereit.


"........ dem Messer überlassen?"
Betrachtungen zur aktuellen Situation der Geburtshilfe in Deutschland


von Gisela Carreras, Hebamme in Berlin, 2. Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen Deutschlands e.V.

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind natürliche Phasen im Leben einer Frau und bedürfen normalerweise nicht der ärztlichen Kunst, denn die Frau ist nicht krank. Die Weltgesundheitsorganisation WHO propagiert denn auch die Hebamme als die adäquate Fachfrau für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. In krassem Gegensatz dazu erfahren jedoch heute in Deutschland 95 % aller gebärenden Frauen diverse medizinische Eingriffe. Und die "Trendgeburt" per Wunschkaiserschnitt treibt sowohl die Sectiorate wie auch die (von den Krankenkassen getragenen) Kosten für Geburten in immer dramatischere Höhen. Der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands e.V. hält es - nicht nur angesichts der Finanzmisere der Krankenkassen - für dringend geboten, die Hebammenbetreuung konsequent in die Gesundheitsfürsorge einzubinden.

Der ganze Artikel steht unter http://www.bfhd.de/presse.htm zum Download bereit.

Quelle:
Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands e.V.
http://www.bfhd.de
06/2003

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