Frankfurter Allgemeine Zeitung, Zeitgeschehen, 21.01.2002, Nr. 17, S. 12
Mein Bauch gehört mir
von Claudia Kaminski
Als ich ein Mädchen war, kämpften viele meiner erwachsenen Geschlechtsgenossinnen gegen die "Unterdrücker" aus dem anderen Geschlecht. Wenn sie in Latzhosen und mit der Parole "Mein Bauch gehört mir" durch die Straßen zogen, fehlte allerdings das Flair des Weiblichen. Die Demonstranten wirkten auf mich wie eine Parodie der Kreuzritter aus dem Geschichtsunterricht. Ich mußte lachen, wenn ich sie sah. Meine Geschlechtsgenossinnen nahmen ihren Kreuzzug natürlich ernst, todernst sogar. Das Privileg, Kinder gebären zu können, erschien ihnen als Last. Es war absurd, daß "starke Frauen" über "Gebärzwang" und den "Mißbrauch der Frauen als Gebärmaschinen" philosophierten, während wir im Schulunterricht die Methoden der Verhütung durchnahmen und ahnten, daß, wie die Jungfrau zum Kinde zu kommen, einmalig in der Menschheitsgeschichte war.
Später, als Ärztin in der Gynäkologie, war mir nicht zum Lachen zumute. Dort waren nicht wenige schwangere Frauen, denen eine Last von den Schultern gefallen wäre, wenn die Natur sie tatsächlich zum Gebären gezwungen oder wenigstens ein Gesetz es ihnen verboten hätte, sich all den Strapazen auszusetzen, die nun sie von sich und andere von ihnen verlangten. Manche Frauen beteten in der Stunde der Wahrheit, man möge doch einsehen, daß ihr Bauch ihnen gehöre und ein mit Kürette und Absaugschlauch bewaffneter Arzt darin nichts zu suchen habe.
Daß die vorgeburtlichen Kindstötungen vielfach durch die Solidargemeinschaft finanziert werden, hat den Trend, den Körper der Frauen quasi zu vergesellschaften, weiter befördert. Durch die Arbeit kenne ich eine Reihe Eltern, die sich immer wieder die Frage gefallen lassen müssen, ob denn ein Kind mit Behinderung "heutzutage wirklich nötig gewesen wäre". Das hätte man - der Pränatalen Diagnostik sei Dank - ja nun auch vorher abklären können. "Mein Bauch gehört mir" - nie war dieser Satz weniger wahr als heute. Und morgen?
Morgen, wenn die Schwangerschaft in immer mehr Fällen einer olympischen Disziplin gleicht, wird dieser Satz eine glatte Lüge sein. Das mag auf den ersten Blick übertrieben wirken. Und doch läßt sich nicht bestreiten, daß Kinderkriegen vielfach einem Hürdenlauf gleicht. Daß heute viele Frauen im gebärfähigen Alter jahrelang täglich Hormone zu sich nehmen, die eine Schwangerschaft verhindern sollen, hat nun einmal Folgen. So ist der Prozentsatz von Frauen, die erst nach hormoneller Stimulation schwanger werden können, stark gestiegen. In diesen Fällen reicht es meist nicht, den Wunsch nach einem Kind dem Partner mitzuteilen; ohne Dienstleistungen der Reproduktionsmediziner wird er immer seltener Wirklichkeit.
Eizellen, die erst durch hohe Hormongaben zur Reifung gebracht werden können, müssen zudem ständig per Ultraschall überwacht werden, um den optimalen Zeitpunkt für die operative Entnahme nicht zu verpassen. Wie beim Hürdenlauf ist auch bei High-Tech-Schwangerschaften die richtige Zeitplanung entscheidend. Sind die entnommenen Eizellen außerhalb des Mutterleibs befruchtet und auf die Frau übertragen worden, brechen für die Hochleistungssportler wider Willen bange Tage an. Haben die Strapazen den gewünschten Erfolg gebracht? Entwickeln sich die künstlich erzeugten Kinder auch wie sie sollen? Der psychische Druck ist oft hoch, so daß manche sogar die neuerlichen Untersuchungsreihen als willkommene Ablenkungen empfinden.
Entwickelt sich der Embryo wie gewünscht, statt vorzeitig den Mutterleib zu verlassen, beginnen die Qualitätskontrollen der sogenannten Pränatalen Diagnostik wie etwa die Amniozentese oder die Chorionzottenbiopsie. (Frauen, die mehr als 35 Jahre zählen, also eine "Risikoschwangerschaft" vor sich haben, erwartet ohnehin "Kontrolle pur".) Geht alles gut, gebärt die Mutter am Schluß der Produktionskette ein mit allen Prüfsiegeln versehenes Kind, von dem Eltern und Gesellschaft nicht selten erwarten, daß es sich der Mühen und Kosten, die für seine Geburt aufgebracht wurden, würdig erweist.
"Mein Bauch gehört mir." Daß ich nicht lache. Mögen ihn die Frauen vor mir vor allem gegen "allzeit bereite" Männer verteidigt haben; meine Generation und noch mehr die nachkommenden werden ihn vor allem gegen die Pharma-Industrie, die Reproduktionsmedizin und die Solidargemeinschaft verteidigen müssen.
Die Autorin ist Ärztin und Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht sowie der Aktion Lebensrecht für Alle.
© F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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