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Positionspapier zur Präimplantationsdiagnostik (PID)

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) ist eine neue Technik in der Reproduktionsmedizin, die es ermöglicht, im Labor Embryonen in einem frühen Entwicklungsstadium zu untersuchen. Dazu werden in Rahmen einer Reagenzglasbefruchtung (In-Vitro-Fertilisation) 1-2 Zellen vom Embryo abgetrennt und auf genetische Abweichungen überprüft. Anschließend werden nur diejenigen Embryonen in die Gebärmutter der Frau überführt, welche die gesuchte Eigenschaft nicht zeigen. Bei der PID handelt es sich um eine - zumindest in Deutschland - ethisch und juristisch umstrittene Methode.


Anwendungsbereiche

Der Einsatz der PID wird heute in erster Linie für solche Paare empfohlen, die ein hohes Risiko tragen, ein Kind mit einer schweren erblichen Erkrankung aufgrund einer Chromosomenstörung oder der Veränderung eines einzelnen Gens zu bekommen. Da Frauen auf diese Weise ein Schwangerschaftabbruch nach einer Pränataldiagnostik erspart werden könne - so wird von den Befürwortern argumentiert - sei dieses Verfahren weniger belastend.

In Deutschland, wo die PID nach dem Embryonenschutzgesetz nicht erlaubt ist, wird unter anderem von der Bundesärztekammer empfohlen, dieses Verfahren für Paare mit hohen genetischen Risiken einzusetzen. Die Technik ermöglicht jedoch auch - das zeigt bereits die internationale Praxis - eine Erweiterung des Nutzerkreises über die genannten "Hochrisikopaare" hinaus. Durch Auswahl der besten Embryonen hofft man beispielsweise die Erfolgsraten der In-vitro-Fertilisation (IVF) für 'ältere' Frauen zu erhöhen. Außerdem könnten durch PID auch das Geschlecht des Kindes und zukünftig genetisch mitbestimmte Anfälligkeiten für Zivilisationskrankheiten wie beispielsweise Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen Kriterien eines Auswahlprozesses werden.


Probleme der PID ...

... im Zusammenhang mit der In-vitro-Fertilisation:

Die PID kann nur in Verbindung mit einer Reagenzglasbefruchtung durchgeführt werden. Die IVF ist mit erheblichen Nachteilen für die Frau verbunden:

Die Erfolgsraten der IVF sind nach wie vor ausgesprochen gering: Im Durchschnitt enden (weltweit) lediglich unter 20% der Behandlungen mit der Geburt eines Kindes.

Zu den psychischen Belastungen für die Frau kommen körperliche Risiken durch operative Eingriffe zur Eizellentnahme, die Gefahr des - in einigen schweren Fällen lebensbedrohlichen - Überstimulationssyndroms durch die hormonelle Stimulation für die Eizellreifung sowie die bisher nicht geklärten Spätfolgen der Hormonbehandlung. Kommt es zu einer Schwangerschaft, besteht ein erhebliches Risiko für einen Abort (ca. 25%) bzw. für eine Mehrlingsschwangerschaft (ca. 27%) da meist mehrere Embryonen - in Deutschland max. 3 - in die Gebärmutter der Frau transferiert werden. Das kann für die Schwangere eine Zunahme von Komplikationen wie Bluthochdruck oder Blutungen mit sich bringen. Bei einer Mehrlingsschwangerschaft steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind zu früh, mit einem zu niedrigen Geburtsgewicht und per Kaiserschnitt zur Welt kommt. Und auch nach der Geburt von Zwillingen, Drillingen oder Vierlingen sind die Familien vor besondere Anforderungen gestellt, das gilt neben den außerordentlichen Betreuungsaufgaben der Eltern auch für die Entwicklung der Kinder.

.. im Zusammenhang mit der Diagnostik selbst:

Die sogenannte Einzelzell-Gendiagnostik, die bei einer PID durchgeführt wird, ist relativ unzuverlässig. Fehldiagnosen sind bereits dokumentiert. Deshalb wird zur diagnostischen Absicherung eine zusätzliche Fruchtwasseruntersuchung empfohlen. Das bedeutet, dass PID nicht in jedem Fall einem Schwangerschaftabbruch ausschließen kann.

Bislang ungeklärt ist, ob es in Folge der Diagnostik zu Schädigungen des Embryos und - falls dieser einen solchen Fall überlebt - des zukünftigen Kindes kommen kann.

... im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Folgen:

Mit der Anwendung von PID entstehen neben den genannten Risiken für die Frau und evtl. für die Kinder ethische, gesellschaftliche und soziale Probleme von bisher nicht gekannter Reichweite.

PID ermöglicht erstmals, zwischen mehreren Embryonen zu unterscheiden und die/den ‚passenden' auszusuchen. Anders als bei der Pränataldiagnostik, - wo eine negative Auswahl stattfinden kann, - eröffnet die PID eine ganz neue Möglichkeit, die positive Auswahl von Embryonen.

In einer Art Qualitätstest kann darüber entschieden werden, welche Embryonen als 'lebenswert' erhalten werden und welche nicht. Führt man sich darüber hinaus die Verinnerlichung sozialer Normen und deren Umsetzung im Rahmen individueller Entscheidungen vor Augen, kann man zugespitzt feststellen, dass sich mit der Anwendung der Präimplantationsdiagnostik die Möglichkeit eröffnet, eugenische Maßnahmen einer bislang nicht gekannten Qualität individuell begründet durchzuführen.

Es ist daher zu befürchten, dass eine Etablierung der PID einem behindertenfeindlichen Gesellschaftsklima Vorschub leistet und sich die Praxis der Diskriminierung Behinderter verschärft. Nicht zuletzt verschlechtert die fortdauernde Krise der sozialen Sicherungs-systeme die reale Lebenssituation von chronisch Kranken und Menschen mit Beeinträchtigungen. In der Folge wirkt vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund durch die Verfügbarkeit der Pränataldiagnostik ein subtiler, teilweise verinnerlichter Druck, mit Hilfe hochtechnisierter Medizin die Geburt eines behinderten Kindes zu vermeiden. Durch die PID würde sich dieses Problem verschärfen.

... aus feministischer Perspektive

Die Einführung der PID wird von den Befürwortern im Namen von Frauen gefordert. Warum wehren wir uns also gerade als Gruppierung von Frauen gegen die Einführung der PID? In der Frauenbewegung wurden und werden die Fortpflanzungsmedizin und die Humangenetik seit den 80er Jahren ausgesprochen kritisch gesehen. Dabei haben sich Frauen immer gegen die Instrumentalisierung von Frauenbedürfnissen für Forschungsinteressen gewehrt. Der Kinderwunsch wurde immer im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang betrachtet und kritisch hinterfragt. Die PID würde zwar in einigen Fällen die Wahlmöglichkeiten der Frauen in Bezug auf Fortpflanzungsentscheidungen erhöhen, gleichzeitig aber auch soziale Zwänge zur Nutzung der Technik etablieren, welche Frauen in neue Entscheidungsnöte bringen. Eine Argumentation ausschließlich auf der Ebene individueller Bedürfnisse blendet die gesellschaftlichen Folgen dieser Technik aus.

... im Zusammenhang zukünftiger Forschungsentwicklungen

Die PID ist für die biomedizinische Forschung von großem Interesse. Sie schafft u.a. die Voraussetzungen für Keimbahneingriffe.


Forderung

Die PID ist mit Gefahren für die betroffene Frau und für das zukünftige Kind sowie mit ausgesprochen problematischen gesellschaftlichen Folgen verbunden. Auch aus feministischer Perspektive ist der Preis zu hoch, den Kinderwunsch einer Frau oder eines Paares durch PID zu erfüllen. Deshalb fordern wir ein klares rechtliches Verbot der PID.

Quelle:
Frauen Forum Fortpflanzungsmedizin
http://www.reprokult.de
2001

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Aktualisiert: 12.04.2012  webmaster@geburtskanal.de
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