Braucht ein Kind Regeln?
Ein anderer Ansatz

von Nicole Schmitt


"Das Kind Braucht Regeln." Ein kaugummiartig durchgekauter Satz in vielen pädagogischen Ratgebern. Ein Satz, den ich in der Arbeit mit Kindergruppen, etwa in Kindertagesstätten, sofort unterschreiben würde. Aber wie wichtig sind Regeln im Elternhaus tatsächlich? Was als allgemein gültig und als Standartformulierung verkauft wird, ist tatsächlich ein Sammelsurium der unterschiedlichsten Inhalte.

So gibt es beispielsweise


Letztere sind die im allgemeinen in den herkömmlichen Ratgebern angesprochenen Regeln. Wie sinnig oder unsinnig sind solche Regeln und wie wichtig deren Durchsetzung?

Nach meiner knapp zweieinhalbjährigen Berufspraxis als Mutter sind vor allem die Regeln durchsetzbar, die das Kind a) versteht, b) deren Sinn es einsieht und c) die für alle Familienmitglieder gelten und d) deren Ausnahmen das Kind ebenfalls einsieht.

Das bedeutet: es ist leicht, etwa die Regel durchzusetzen, die Schuhe an der Türe auszuziehen, weil das Kind a) versteht, warum die Regel besteht, b) der Sinn der Vorderung leicht verständlich ist und c) wenn auch die Erwachsenen die Schuhe ausziehen.

Situationen, die Regeln außerhalb des Begriffsvermögens der Kinder erfordern, sollten vermieden werden. So habe ich mir Zuhause den Alltag erleichtert, indem ich Süßigkeiten außer Sichtweite lege und keinen Fernseher besitze.

Regeln, die meine Tochter nicht versteht und die ich trotzdem durchsetzen muß, existieren vor allem außerhalb des Zuhauses: Es gibt keine Süßigkeiten im Supermarkt, es gibt keine Kekse von der Tante oder an der Straße wird an der Hand gelaufen.

Doch braucht das Kind diese Regeln?
Eher bin ich der Meinung, daß ihre körperliche Sicherheit als ihre emotionale Stabilität diese Regeln braucht. Oder - um auf die vorherigen Beispiele zu sprechen zu kommen - die Hausordnung.

Wie steht es mit den allgemeinen Erziehungsregeln? Wie sehr braucht es diese für sein seelisches Wohlbefinden? Klaus A. Schneewind schreibt dazu:

"Ob Erziehung im Sinne der Förderung einer bejahenswerten Lebensführung gelingt, hängt allerdings in starkem Maße von der Qualität des elterlichen Erziehungsstils ab. (...) Konkret heißt dies, daß ein im Mittelschichtmilieu praktizierter autoritativer (akzeptierend und klar strukturierend anm. der Verf.) Erziehungsstiel mit seinen überwiegend positiv eingeschätzten Erziehungseffekten im Falle bestimmter sozialer Umwelten (wie z. B. einem delinquenzbelasteten Milieu) ein stärker lenkendes und einschränkendes, d. h. mit Elementen eines autoritären Erziehungsstils angereichertes Elternverhalten erfordert, um eine positive Entwicklung der Kinder zu unterstützen."

D.h.: auch bei allgemeinen Erziehungsregeln sind Reglementierungen vor allem notwendig, wenn das Kind vor schädlichen Umwelteinflüssen geschützt werden soll.

Der Punkt ist also folgender:
Regeln sind nicht notwendig für das seelische Gleichgewicht der Kinder, sondern zu deren Schutz, sowie auch für das Zusammenleben in der Gemeinschaft.

Diese Änderung des Grundverständnisses von Regeln führt auch notwendigerweise zu einer Änderung des Erziehungsverhaltens. So garantiert nicht mehr die Durchsetzung der Regel an sich ein gelungenes Erziehungsergebnis, sondern dem Kind sollte dabei geholfen werden, sich an die Regeln zu halten, indem es den Sinn dieser Regeln zu begreifen und zu akzeptieren lernt.

Eine solche Herangehensweise ändert das komplette Erziehungsverhalten und wird zu einer liebevolleren und vertrauensvollen Beziehung zwischen Eltern und Kind entscheidend beitragen.

Die Autorin:
Nicole Schmitt, geboren 1970, Erzieherin seit 1992
Dipl. Pädagogik Oktober 2002 Uni Frankfurt
Mutter einer Tochter, geboren 2001


März 2004

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