Schmerzbehandlung unter der Geburt


Eine Information für werdende Eltern der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe CA. Prof. Dr. H. Kaesemann und der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin CA Dr. G. Janshon des St. Vinzenz-Krankenhauses Hanau, Am Frankfurter Tor 25, 63450 Hanau, Telefon: 06181 - 272-0 (Zentrale), 06181 - 272 371 (Geburtshilfe), 06181 - 272 451 (Anaesthesie).
e-mail: geburtshilfe@vinzenz-hanau.de, anaesthesie@vinzenz-hanau.de

Die Geburt eines Kindes gehört zu den aufregendsten und schönsten Erfahrungen in unserem Leben. Jede Frau erlebt die Geburt und die damit verbundenen Wehenschmerzen in unterschiedlicher Weise. Wir möchten Ihnen mit dieser Broschüre Informationen über moderne Schmerzbehandlung unter der Geburt vermitteln. Neben der Begleitung durch Hebamme und Geburtshelfer gibt es eine Palette von Möglichkeiten, die Geburt für Sie weniger belastend und als positives Ereignis zu gestalten, dabei aber die Sicherheit der medizinischen Maßnahmen nicht zu vernachlässigen. Daher ist es nützlich, Sie schon während der Schwangerschaft mit den verschiedenen Methoden der Schmerzlinderung vertraut zu machen.


1. Allgemeine nicht medikamentöse Massnahmen zur Schmerzlinderung in der Geburtshilfe:
Zunächst werden unter der Geburt vor allem in der Eröffnungsphase des Muttermundes die Maßnahmen bevorzugt, die ohne Medikamente auskommen. Dazu ge-hören z.B. Entspannungsbäder, in der Geburtsvorbereitung erlernte Entspannungs- und Atemtechniken, Massage, immer wieder Positionswechsel im Verlauf, Akupunktur u.a., um die Wehenschmerzen zu erleichtern. Für manche Frauen sind diese Massnahmen jedoch nicht immer ausreichend, sodass nach Beratung mit dem Geburtshelfer oder der Hebamme weitere Massnahmen der Schmerztherapie zum Einsatz kommen können.

Im medizinischen Sprachgebrauch wird die Schmerzlinderung als Analgesie, die nahezu oder völlige Empfindungslosigkeit als Anästhesie bezeichnet. Grundsätzlich unterscheidet man die Allgemein- und Regionalanalgesie und die Lokal-, Regional- bzw. Allgemeinanästhesie.


2. Allgemeinanalgesie
Bei der Allgemeinanalgesie werden schmerzlindernde Medikamente als Zäpfchen verabreicht oder in die Vene oder in den Muskel gespritzt. Da diese Medikamente Sie und Ihr Baby schläfrig machen können, werden sie vor allem während der frühen Phase der Geburt verwendet. Es handelt sich dabei um seit Jahrzehnten in der Geburtshilfe eingesetzte Medikamente (z.B. kurz wirkende Opioide, krampflösende Substanzen) ohne Nachteile für Mutter und Kind.


3. Lokalanästhesie
Die Lokalanästhesie blockiert den Schmerz nur in einem kleinen, umschriebenen Bereich. Dieses Verfahren ist geeignet, um den Schmerz während der Austreibungsphase oder für den ggf. notwendigen Dammschnitt zu lindern. Hier kommt auch der sogenannte "Pudendusblock zum Einsatz, der zu einer Schmerzverminderung im Bereich des Dammes und Beckenbodens führt. Er wird in Form zweier kleiner Injektionen seitlich in der Scheide bei der inneren Untersuchung durchgeführt. Eine solche Blockade hilft jedoch nicht gegen Wehenschmerzen und ist nur für die letzte Phase der Geburt von Nutzen.


4. Regionalanalgesie
Die Regionalanalgesie lässt eine Schmerzlinderung für wesentlich größere Regionen des Körpers zu und hat sich als eine besonders wirksame Form der Wehenschmerzlinderung in der Geburtshilfe erwiesen. Hierbei wird unter örtlicher Betäubung im unteren Wirbelsäulenbereich ein sehr dünner Kunststoffschlauch (Katheter) zwischen zwei Wirbel in die Nähe der Rückenmarkshaut (Dura) eingeführt (Epiduralraum). Über den liegenden Katheter können nach Bedarf wiederholt Schmerzmittel gegeben werden. Die Schmerzmittel umspülen die von der Gebärmutter zum Rückenmark führenden Nerven und betäuben so den Wehenschmerz. Der Katheter ist aus sehr weichem Material, so dass Sie sich frei damit bewegen können, ohne Verletzungen befürchten zu müssen. Diese Form der Schmerzlinderung wird medizinisch auch als Epiduralanalgesie bezeichnet.


Zur Anwendung kommen lokale Betäubungsmittel in Kombination mit stark wirksamen Schmerzmitteln in sehr niedriger Dosierung, so dass unter nahezu vollständigem Erhalt der Muskelkraft und des Körpergefühls eine Linderung der Wehenschmerzen nach ungefähr 10 bis 15 Minuten eintritt. Die Wirkdauer der jederzeit wiederholbaren Verabreichung beträgt in Abhängigkeit vom Geburtsverlauf ca. 2 Stunden und richtet sich nach Ihren Bedürfnissen. Bei längerem Geburtsverlauf besteht die Möglichkeit, dass Sie sich selbst über eine computergesteuerte Spritzenpumpe das Schmerzmittel verabreichen können (patientenkontrollierte Analgesie). Nach der Geburt des Kindes wird der Katheter entfernt, so dass sich nach wenigen Stunden in den zuvor betäubten Bezirken wieder das normale Empfinden einstellt.

Kann die Epiduralanalgesie Ihrem Kind schaden?
Die Epiduralanalgesie ist für Mutter und Kind eine der sichersten Methoden der geburtshilflichen Schmerzbehandlung. Bei fachgerechter Anwendung hat sie keine nennenswerten nachteiligen Auswirkungen auf das Neugeborene. Im Gegenteil: Wenn es im Zusammenhang mit Schmerz und Stress unter der Geburt zu einer Gefährdung Ihres Kindes wegen mangelnder Durchblutung der Plazenta kommt, kann die Epiduralanalgesie die Sauerstoffversorgung des Kindes oftmals verbessern.

Wird der Geburtsverlauf durch die Epiduralanalgesie verlangsamt?
Jede werdende Mutter reagiert anders auf die epidurale Analgesie. Bei einigen Frauen verringert sich vorübergehend die Wehentätigkeit. Andere Frauen können sich durch die Schmerzlinderung besonders gut entspannen, so dass sich der Geburtsverlauf beschleunigt. Die beschriebene Form der Epiduralanalgesie ermöglicht der werdenden Mutter eine weitgehend normale Beweglichkeit der Beine für das Stehen und Laufen unter der Geburt und mehr Möglichkeiten Positionswechsel durchzuführen oder in die senkrechte Körperhaltung zu gehen. All dies beeinflusst den Geburtsfortschritt wesentlich und ist ein grosser Vorteil zu früheren Techniken, die zu einer ausgeprägten Muskelschwäche der unteren Körperhälfte führten und die Mutter unter der Geburt relativ unbeweglich machten.

Können Sie trotz Epiduralanalgesie noch pressen?
Die Epiduralanalgesie verringert den Wehenschmerz, während das Druckgefühl im Bereich des Beckens und Beckenboden in der Regel erhalten bleibt. Dies erlaubt es Ihnen zu pressen, wenn dies notwendig ist.

Welche Nebenwirkungen und Komplikationen können bei einer Epiduralanalgesie auftreten?
Die Regionalanalgesie- und anästhesie sind etablierte Verfahren, die in der Geburtshilfe mit großer Erfahrung und Routine eingesetzt werden. In seltenen Fällen ist die Einlage des Periduralkatheters technisch nicht möglich. Mögliche Nebenwirkungen sind vorübergehende Blasenentleerungsstörungen und Kreislaufreaktionen. Schwere Komplikationen, wie z.B. Herzkreislauf- bzw. Atemstillstand sind sehr selten. Sie können durch eine Unverträglichkeit der Medikamente oder versehentliche Einspritzung des Schmerzmedikaments in ein Blutgefäß oder in die Rückenmarksflüssigkeit ausgelöst werden. Selten kommt es aufgrund einer Verletzung der Rückenmarkshaut zu Kopfschmerzen. Bleibende Lähmungen, im Extremfall Querschnittslähmungen, Entzündungen oder Nervenverletzungen sowie eine Verschlechterung des Seh- oder Hörvermögens sind extrem selten. Bei sachgerechter Durchführung und Überwachung sind derartige früherkannte Komplikationen im allgemeinen gut behandelbar.

Kann die geburtshilfliche Epiduralanalgesie für einen eventuell notwendigen Kaiserschnitt genutzt werden?
Ergibt sich die Notwendigkeit eines Kaiserschnittes, so kann in Abhängigkeit der zur Verfügung stehenden Zeit über den liegenden Katheter stärker konzentriertes Lokalanästhetikum verabreicht werden, so dass innerhalb von ca. 25 Minuten eine vollständige Gefühllosigkeit (Anästhesie) der unteren Körperregion eintritt. Die Operation kann anschließend durchgeführt werden. Sie bleiben wach, empfinden keine Schmerzen und erleben die Geburt Ihres Kindes mit. Die Epiduralanästhesie kann selbstverständlich auch bei einem geplanten Kaiserschnitt zur Anwendung kommen.

Spinalanästhesie
Ein alternatives Verfahren der Regionalanästhesie ist die Spinalanästhesie, bei der nach einer lokalen Betäubung der Haut mit einer sehr dünnen Kanüle nach Durchstechen der harten Rückenmarkshaut eine geringe Menge eines lokalen Betäubungsmittels direkt in die Rückenmarkflüssigkeit gespritzt wird. Sofort nach der Injektion wird die Kanüle entfernt. Die Gefühllosigkeit der unteren Körperregion setzt sehr rasch ein. Die Nebenwirkungen und Komplikationen der Spinalanästhesie entsprechen denen der Epiduralanästhesie. Kopfschmerzen treten nach der Spinalanästhesie etwas häufiger auf. Manchmal können sie mehrere


Tage anhalten. In diesen Fällen wird der Anästhesist informiert und sich mit um Ihre Behandlung kümmern.


Neue Schmerztherapie für die Geburtshilfe
Was versteht man unter "walking epidural"?
Es handelt sich um eine neue Variante der Epi- oder Periduralanästhesie, die spezielle Vorteile für die Schmerzdämpfung unter der Geburt bietet.

Im Gegensatz zur bisherigen konventionellen Epiduralanästhesie wird nicht nur ein örtliches Betäubungsmittel, sondern ein zusätzliches Schmerzmittel in niedriger Konzentration in den Katheter vor den Rückenmarksraum gespritzt. Durch die Kombination beider Medikamente entfaltet sich eine schmerzlindernde Wirkung für die Wehentätigkeit, wobei aber die Fähigkeit zum Stehen und Laufen unter der Geburt erhalten bleibt.

Diese Form der Schmerzbehandlung kann auch von der werdenden Mutter selbst über Knopfdruck nach Bedarf mit einer Dosierpumpe geteuert werden (sogenannte PCEA = Patientenkontrollierte Epidurale Analgesie).

Damit ermöglicht diese Schmerzbehandlung die senkrechte Körperhaltung und begünstigt die Muttermundseröffnungsphase. Auch eine senkrechte Geburtshaltung kann unter dieser Form der Schmerztherapie gewählt werden.

Die verabreichten Medikamente sind in dieser niedrigen Konzentration für das Kind unschädlich.


5. Allgemeinanästhesie (Narkose)
Eine Vollnarkose wird eingesetzt, wenn die Durchführung einer regionalen Anästhesie technisch nicht durchführbar ist, medizinische Gründe gegen eine Regionalanästhesie sprechen, sehr wenig Zeit bis zum Kaiserschnitt zur Verfügung steht oder wenn eine Patientin eine Regionalanästhesie ablehnt. Zur Narkose wird eine Kombination verschiedener Medikamente eingesetzt. Schlaf- und Schmerzmittel und Medikamente zur Muskelerschlaffung werden in die Vene eingespritzt oder der Atemluft beigemischt. Um Sie und Ihr Baby ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen, wird Ihnen vor Einleitung der Narkose eine Gesichtsmaske vorgehalten. Nach dem Einschlafen wird ein Schlauch (Tubus) in die Luftröhre eingelegt (Intubation), um Ihre Atmung zu sichern und um ein Eindringen von Speichel, Magensaft oder Mageninhalt in die Lunge zu verhindern (Aspiration).

Was sind die Risiken der Narkose?
Die Narkose ist, wie auch die anderen Anästhesieverfahren, heutzutage sehr sicher. Zu den besonderen Risiken der Narkose in der Geburtshilfe zählt das Eindringen von Mageninhalt in die Lunge mit der Gefahr einer folgenden Lungenentzündung. Deswegen sollten Sie nach Beginn der regelmäßigen Wehentätigkeit nichts essen. Selten treten durch die Intubation Verletzungen von Lippe, Zahn, Zunge, Kehlkopf mit Schluckbeschwerden und Heiserkeit auf. Ebenfalls selten sind ernsthafte Herz-, Kreislauf- oder Beatmungsprobleme, die z.B. durch Unverträglichkeitsreaktionen ausgelöst werden können, sowie Lähmungen und Gefühlsstörungen durch Druck auf Nerven während der Narkose, die sich aber zumeist innerhalb weniger Monate von selbst zurückbilden. Äußerst selten ist das sogenannte Narkosefieber (maligne Hyperthermie), eine plötzliche Entgleisung des Muskelstoffwechsels unter Narkose.

Ein Wort zum Schluss
Die moderne Geburtshilfe und Anästhesie bietet sehr sichere Verfahren, die eine weitgehend schmerzarme Geburt ermöglichen können. Es sind nicht immer alle der genannten Methoden unter der Geburt notwendig. Beispielsweise nehmen in unserem Krankenhaus nur etwa 25% der werdenden Mütter die Epiduralanalgesie in Anspruch. Vielleicht läuft Ihre Geburt so gut ab, dass Sie viele der beschriebenen Methoden gar nicht benötigen. Um sich ohne Ängste und Befürchtungen auf die Geburt Ihres Kindes vorbereiten zu können, besprechen Sie jede Ihrer Fragen mit Ihrem Gynäkologen. Dies ist insbesondere dann von Bedeutung, wenn medizinische Probleme oder Vorerkrankungen bestehen, die einer besonderen Beratung oder Abklärung bedürfen. Ihr Frauenarzt stellt Sie dann gebenfalls in der Geburtsklinik zur Beratung vor. Damit wird auch vermieden, dass Sie während der Geburt mit Schmerzen und unter Zeitdruck die Möglichkeiten der Schmerzlinderung und die dazu notwendige Aufklärung mit Ihrem Geburtshelfer und Anästhesisten besprechen müssen. Dies kann in besserer Atmosphäre vor der Geburt bei Ihrem Frauenarzt oder in der Schwangerensprechstunde der Geburtsklinik erfolgen. Wenn Sie darüber hinaus schmerztherapeutisch beraten werden möchten, wird man Ihnen ein Gespräch mit einem Anästhesisten vermitteln.

Beachten Sie auch unsere Info-Broschüre über moderne Schmerztherapie in der Geburtshilfe, die in Zusammenarbeit mit der anästhesiologischen Abteilung erstellt wurde und über das Sekretariat der gynäkologischen (06181 / 272-371) oder der anästhesiologischen (06181 / 272-451) Abteilung sowie per eMail bestellt werden kann.

Quelle:
St. Vinzenz - Krankenhaus Hanau
www.vinzenz-hanau.de/gyn/index.html
2001

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Aktualisiert: 12.04.2012  webmaster@geburtskanal.de
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