Weibliche Selbstbestimmung und vorgeburtliche Diagnostik
Positionen einer feministischen Debatte

von Antje Kehrbach

Selbstbestimmung war und ist die zentrale Forderung der Frauenbewegung in der Auseinandersetzung um den § 218. Frauen wollen selbst bestimmen, ob, wann und wieviele Kinder sie bekommen.
Durch vorgeburtliche Diagnostik erhalten sie nun die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, ob sie ein als behindert diagnostiziertes Kind bekommen wollen oder nicht - gehört zur Selbstbestimmung jetzt das Recht zu bestimmen, welche Kinder sie haben wollen?

Bedeutet das Angebot und die Inanspruchnahme vorgeburtlicher Diagnostik einen Zugewinn an reproduktiver Selbstbestimmung für Frauen? Hat sich die Situation von schwangeren Frauen durch die technologischen Fortschritte verbessert? Im Mittelpunkt dieses Artikels steht die unumgänglich gewordene Reflexion der ethischen und gesellschaftlichen Konsequenzen des Einsatzes neuer Technologien sowie die aktive Beteiligung von Frauen an den gesellschaftlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozessen.
Die Entwicklung und Anwendung bzw. die gesellschaftlichen Folgewirkungen neuer Gen- und Reproduktionstechnologien, insbesondere vorgeburtliche Diagnostik, stellen an die Berufsgruppe der Hebammen neue Herausforderungen. Eine grundlegende kritische Reflexion macht eine Auseinandersetzung mit der stattfindenden Kontroverse um die Chancen und Risiken der Gen- und Reproduktionstechnologien erforderlich. Denn während die einen durch das neue Wissen die Möglichkeit zur wachsenden Beherrschung menschlichen Leids sehen, wenden sich die anderen gegen die Gefahren und Mißbrauchsmöglichkeiten, die mit dem Zuwachs an Macht über die menschliche Natur einhergehen könnten.

Brisantestes Thema der feministischen Debatte
Am stärksten und unmittelbarsten betroffen von Gen- und Reproduktionstechnologien sind Frauen. Deshalb betrachte ich das Spektrum feministischer Positionen in der Auseinandersetzung um vorgeburtliche Diagnostik. Die Frage, in welchem Verhältnis das Selbstbestimmungsrecht von Frauen und die Möglichkeiten und Zumutungen der neuen Technologien zueinander stehen, steht im Zentrum der Darstellung und ist zugleich brisantestes Thema der feministischen Debatte.
Das Hauptmotiv zur Wahl des Themas lag in der von mir empfundenen Ambivalenz im Hinblick auf vorgeburtliche Diagnostik und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Diese Ambivalenz resultiert erstens aus meiner Tätigkeit als Hebamme, die durch vorgeburtliche Diagnoseverfahren vor allem eine Verunsicherung der Frauen, eine Veränderung des Schwangerschaftserlebens sowie eine Traumatisierung der Frauen durch den späten Schwangerschaftsabbruch wahrgenommen hat; zweitens aus meinem Anspruch als Feministin, eine Position beziehen zu wollen, die "frauenfreundlich" ist und dazu beiträgt, Mechanismen der Frauenunterdrückung aufzuheben. Durch die Analyse feministischer Positionen erhoffte ich eine Antwort zu bekommen, die mir eine klare feministische und professionelle Orientierung geben kann.
Die Bandbreite der unterschiedlichen Positionen innerhalb der feministischen Kontroverse reicht von bedingungsloser Technikeuphorie (exponierteste Vertreterinnen sind vor allem S. Firestone 1987 und D. Harraway 1991) bis zur radikalen Ablehnung (Corea 1988). Sie entspricht den die Feminismusdebatte insgesamt charakterisierenden Gegensätzen, die einerseits um die Frage der Konstruktion von Wirklichkeit durch Wissenschaft mit entfremdender Wirkung auf das Selbstverständnis und die kulturelle Selbst-Verortung von Frauen kreisen, anderseits um Positionen, die für Frauen das Recht auf Selbstentscheidung über ihre Schwangerschaft und ihr Mutterwerden einklagen.1

Erweiterung weiblicher Selbstbestimmung
Die Technikbefürworterinnen im Feminismus behaupten, daß Frauen die neuen Gen- und Reproduktionstechnologien für ihre Zwecke nutzen sollten, und sehen in ihnen vorwiegend eine Erweiterung weiblicher Selbstbestimmung. Weibliche Biologie wird hier prinzipiell negativ bewertet und als die Basis für die Unterdrückung von Frauen angesehen. In dieser Argumentation befreit eine vollständige Technisierung der Reproduktion die Frau von ihren biologischen Fesseln und zieht eine politische und ökonomische Befreiung der Frau nach sich. Wichtigste Forderung dieser feministischen Position ist, daß Frauen die politischen und kulturellen Bedingungen herstellen müssen, in denen neue Gen- und Reproduktionstechnologien selbstbestimmt genutzt werden können, damit Frauen die Fortpflanzung nach ihren eigenen Bedürfnissen gestalten können. Die Möglichkeit der Frau, über ihren Körper als "Eigentum" zu verfügen, und, wenn sie will, auch ihre reproduktive Potenz zu vermarkten, wird besonders wertgeschätzt.
Die radikalste feministische Position für ihre Nutzung vertrat die US-amerikanische Theoretikerin Shulamith Firestone (1987). Firestones Dreh- und Angelpunkt für die Frauenbefreiung ist die Ablösung der biologischen Reproduktion durch die biotechnische Fortpflanzung. Sie bewertet Natur / Biologie / Körper und Schwangerschaft sowie Mutterschaft negativ, was sich in Sätzen wie "Schwangerschaft ist die zeitweilige Deformation des menschlichen Körpers für die Arterhaltung" (Firestone 1987, 219) verdeutlicht. Die Feministin warnt aber vor einem Mißbrauch der Technologien unter den Bedingungen patriarchaler Machtverhältnisse.
Auf einem Workshop des National Institute of Health (NIH) in den USA im November 1991, der sich mit den Auswirkungen der vorgeburtlichen Diagnostik auf das Leben von Frauen und ihren Kindern beschäftigte, finden sich ebenfalls Forderungen, die im Rahmen der Gesetzgebung Mißbräuche verhindern und den positiven Gebrauch neuer Technologien für alle zugänglich machen wollen. Hier wird angestrebt, die neue reproduktive Freiheit zu erlangen und gleichzeitig die negativen Auswirkungen einzugrenzen. Es wird gefordert, daß vorgeburtliche Diagnostik und andere genetische Dienstleistungen nicht im Dienste eugenischer Zielsetzungen stehen dürfen, sondern sich ausschließlich an den Bedürfnissen des Individuums, mehr Kontrolle über sein reproduktives Leben zu gewinnen, orientieren müssen. Negative Aspekte, z.B. jede Form von Zwang zur Inanspruchnahme diagnostischer Möglichkeiten oder zum Schwangerschaftsabbruch ebenso wie eugenische Maßnahmen, die den Rahmen der individuellen Entscheidungen und der privaten Familienplanung sprengen, sollen weitestgehend eingeschränkt werden (vgl. Arz de Falco 1996).

Unbeschränkter Individualfeminismus
Prinzipiell kann gesagt werden, daß sich feministische Positionen, die Frauen "Eigentumsrechte" an ihrem Körper verschaffen wollen, an dem Ziel der Gleichberechtigung von Frauen mit Männern in kapitalistischen Produktionsverhältnissen orientieren und dem liberal-feministischen Lager zuzuordnen sind. Liberal-feministische Werte wie die Berufung auf Autonomie, Privatheit, Wahlfreiheit oder die Inanspruchnahme reproduktiver Kontrolle, also die Forderung nach individuellen Freiheitsrechten liegen hier zugrunde.
Diese positive Technikeinstellung findet sich, im Moment noch, vor allem bei den US-Amerikanerinnen. Die Technikeinschätzung in Mitteleuropa ist im Gegensatz zu der äußerst positiven amerikanischen Einstellung weniger euphorisch (Hofmann 1998). Zudem findet sich bei der Untersuchung über die Historie des Feminismus in den USA und Europa die These, daß für die USA die Tradition des "unbeschränkten Individualfeminismus" gilt, in der die Selbstverwirklichung höchste Priorität hat. Daraus erklärt sich die Tatsache, daß der größte Teil der technikbefürwortenden feministischen Positionen aus den USA kommt.

Feministische Bewegung gegen Gen- und Reproduktionstechnologien
Die feministische Bewegung gegen Gen- und Reproduktionstechnologien, vertreten vor allem von Frauen, die sich im FINRAGE (Feminist International Network of Resistance Reproductive Engineering) zusammengeschlossen haben, vereint das entschiedene "Nein" zu den neuen Technologien. Im deutschsprachigen Raum ist die kritisch-ablehnende Haltung im Hinblick auf vorgeburtliche Diagnostik dominant, nahm aber ihren Anfang erst im Kontext der Kritik an den Gen- und Reproduktionstechnologien 1986.2
Seit Anfang 2000 gibt es eine neue feministische Initiative namens "ReproKult" die sich anläßlich der Debatte um Fragen des Embryonenschutzgesetzes und der Präimplantationsdiagnostik zusammengefunden hat.3
Innerhalb der Gegnerinnenschaft im Feminismus gibt es erhebliche inhaltliche Differenzen im Hinblick auf die Einschätzung der gesellschaftlichen Ursachen für die Entwicklung moderner Technologien. Im Vordergrund steht hier die These nach erheblicher Bevormundung und Beschneidung weiblicher Selbstbestimmung. Zentrale Aussage ist, daß die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und patriarchalen Macht- und Herrschaftsverhältnisse (hier setzen die unterschiedlichen Grundsatzpositionen an, sozialistische, radikalfeministische, ökofeministische) eine Nutzung zugunsten der Frauen ausschließen. Die Entwicklung der Technologien ist die letzte Etappe des Patriarchats, sich die weibliche Reproduktionsfähigkeit aneignen zu wollen. Der weibliche Körper wird einem mechanistischen Maschinenmodell analogisiert und führt zur Entledigung der Menschenwürde der Frau. Frauen sind Opfer patriarchaler Machtausübung.
So sieht eine Vielzahl von Feministinnen in der "Vertreibung der Frau aus der Schwangerschaft" eine der letzten Etappen in einem langen historischen Prozeß, in dem sich das Patriarchat die weibliche Natur, die Reproduktionsfähigkeit aneignet und kontrolliert (Corea 1988). Medikalisierung und Technisierung der Schwangerschaft, ohne die vorgeburtliche Diagnostik nicht denkbar ist, werden grundsätzlich problematisiert (Schindele 1995). Durch eine medizin-technische und risikoorientierte Schwangerenvorsorge würden Frauen eines spezifisch weiblichen Kompetenzbereichs enteignet und auch hier dem Zugriff patriarchaler Machtansprüche ausgeliefert.
Die Gefahr, daß den Frauen in der Folge medizinisch-technischer Zugriffsmöglichkeiten die Kompetenz für ihre Schwangerschaft abgesprochen wird, zeigt sich deutlich an den Konsequenzen, die sich aus der Sichtbarmachung des Fötus durch den Ultraschall ergeben. Der Fötus, der Subjekt geworden ist, wird zum eigentlichen Objekt des Bemühens der Mediziner, und die schwangere Frau wird zum "mütterlichen Umfeld" degradiert. In dieser Lage verliert die Frau das Recht, über ihre Schwangerschaft zu bestimmen. Sie hat die soziale Pflicht, sich allen Prozeduren zu unterziehen, die die Medizin im Interesse des Fötus für geboten hält. Es werden Interessenkonflikte zwischen Mutter und Kind hergestellt (Brockmann 1989, Duden 1991).

Reduktionistisch-biologistisches Menschenbild
In diesem Zusammenhang wird das reduktionistisch-biologistische Menschenbild vorgeburtlicher Diagnostik kritisiert, das nur auf das menschliche Genom konzentriert ist und auf die sich hieraus ergebenden Tendenzen zur Qualitätskontrolle des Embryos (Treusch- Dieter 1990). Vorgeburtliche Diagnostik wird als Instrument zur eugenischen Auslese wahrgenommen.
Argumentiert wird, daß der feministische Selbstbestimmungsbegriff ehemals als sozialer Emanzipationsbegriff galt, der seine Wurzeln im Bestehen auf grundlegenden Menschenrechten hatte. Wenn nun feministische Selbstbestimmung als Recht auf individualistische Selbstentfaltung verstanden und gegen die unerwünschte Geburt eines behinderten Kindes durchgesetzt würde, übernähmen Feministinnen die gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber Behinderten. Frauen, die sich zur vorgeburtlichen Diagnostik und damit zur impliziten Konsequenz einer Abtreibung entschließen, und dies als Chance zu einer selbstbestimmten Lebensführung verstehen, ignorieren, so diese Position, daß ihre Entscheidung in ein kulturelles, soziales, politisches und ökonomisches System eingebettet ist. Die von diesen Frauen übernommenen Werte und Normen eines patriarchalen Herrschaftssystems stehen im Widerspruch zur weiblichen Selbstverwirklichung. Der feministische Begriff der Selbstverwirklichung kann nur erfüllt werden, wenn er auch die Lebensmöglichkeiten für Behinderte umfaßt. Für diese feministische Utopie wird Behinderung nicht automatisch mit Leid gleichgesetzt und Nichtbehinderung mit Glück (Degener u.a. 1992).

Verschiebung von Leid
Feministisch-theologische Positionen setzen sich ebenfalls mit der Argumentation der Verheißung der Vermeidung von Leid durch die Anwendung vorgeburtlicher Diagnostik auseinander. Ihrer Ansicht nach komme es zur Verschiebung von Leid: Vorgeburtliche Diagnostik beseitige zwar die Ursache des einen Leidens, aber durch die Art des Vorgehens, die Mittel, die bei der Beseitigung der Ursache des Leids (selektiver Schwangerschaftsabbruch) eingesetzt würden, würden neue Leiden geschaffen (Arz-de Falco 1996). Vor dem Hintergrund der skizzierten ethischen Problematik in Verbindung mit den Gen- und Reproduktionstechnologien plädieren diese Feministinnen für einen Autonomiebegriff, der sich von jenem Selbstbestimmungsbegriff unterscheidet, der auf Individualisierungsprozesse beschränkt ist und gleichzeitig mit Entsolidarisierungsprozessen einhergeht (Hofmann 1998).
Selbstbestimmung wird immer mehr als Anspruchsrecht interpretiert und verwendet. Gerade in der Debatte um die neuen Gen- und Reproduktionstechnologien werden individuelle Präferenzen und Überzeugungen, persönliches Glück (mit dem Recht und Anspruch auf ein gesundes Kind) auf der Grundlage des Rechts auf Selbstbestimmung besonders betont.

"Fürsorge"
Eine Notwendigkeit, die sich aus der Analyse der feministischen Positionen ergibt, ist die Suche nach einer feministischen Ethik, die eine grundlegende ethische Orientierung im Kontext divergierender gesellschaftlicher und individueller Wert- und Erwartungshaltungen innerhalb der Frauenbewegung geben kann. Besonders bedeutsam ist hier die sehr populäre, aber auch umstrittene Position des "Fürsorgeansatzes" der amerikanischen Psychologin Carol Gilligan (1988). Sie untersucht den Zusammenhang von Moral und Urteil und deren geschlechtsspezifische Unterschiede. Aufgrund ihrer Ergebnisse entwickelt sie die Theorie einer weiblichen Moral der Fürsorge (ethics of care) und Verantwortung, die sie einer männlichen Gerechtigkeitsmoral gegenüberstellt. In den Thesen von zwei verschiedenen "Moralen" stellt sie fest, daß Männer nach formalen Regeln und abstrakten Prinzipien Urteile fällen, während Frauen in moralischen Fragen personen- und beziehungsorientiert entscheiden.
In der Debatte um die Selbstbestimmung von Frauen schlagen Feministinnen vor, als Korrektiv die Ansätze aus der feministischen Ethik zu nehmen, die einen Autonomiebegriff unter Einbeziehung von Fürsorglichkeit und Kontextsensibilität betonen (vgl. Katz Rothman 1989). Mit der Fürsorgeethik von Gilligan sind Werte wie Sorgen und Verbundenheit als ethische Werte thematisiert, einem abstrakten Autonomieverständnis wird entgegengewirkt und gleichzeitig die Fürsorgepflicht für andere (die Ungeborenen) betont.
Diese von Gilligan thematisierte Fürsorgeperspektive als moralische Verhaltensinstanz von Frauen löste aber auch Widerspruch bei Feministinnen aus. Vor allem wurde ihr Idealisierung von Weiblichkeit und die Aufwertung biologischer Mutterschaft unterstellt (Hofmann 1998).
Feministische Ethik fordert im Kontext der Gen- und Reproduktionstechnologien eine "Ethik des Vertrauens", die bei der Beziehung zwischen den beteiligten Personen vorhanden sein müsse. Dazu führt Sherwin (1993) an, daß Reproduktionstechnologien Machtinstrumente in Händen von Männern seien, die zur weiteren Ausbeutung von Frauen führten. Die Macht der Fortpflanzung konzentriere sich in Händen, die den Frauen auf technische, berufliche und autoritäre Art begegnen und nicht unmittelbar an Geburt und Erziehung beteiligt sind. Fragen um den Gebrauch und Einsatz der Technologien sollten demnach aus einer weiblichen Perspektive mit Personen des Vertrauens besprochen werden.
In bezug auf vorgeburtliche Diagnostik knüpft dies an tagespolitische Forderungen von Teilen der Gegenbewegung an, die die Schwangerenvorsorge wieder in die Kompetenz der Hebamme geben wollen.

Es gibt keine einfache Lösung
Zusammenfassend ist festzustellen, daß sich innerhalb des feministischen Spektrums zwei unvermittelbare Positionen gegenüberstehen. Die dargelegte Komplexität der Problematik verdeutlicht, daß es eine einfache Lösung nicht geben kann.
Dennoch neige ich nach eingehender Reflexion der vorliegenden Positionen und Diskussionsbeiträge, verglichen mit meiner Erfahrung im Umgang mit schwangeren Frauen, mehr zu einer Auslegung vorgeburtlicher Diagnostik als Instrument des Zwanges und der Auslese, das sich gesellschaftlichen Erwartungen und Werten der Leistungsfähigkeit und angeblichen Leidensvermeidung unterordnet, als zu einer Interpretation der erweiterten Autonomie für Frauen im reproduktiven Bereich. Hervorzuheben ist aus meiner Sicht, daß Frauen durch vorgeburtliche Diagnostik in ein Entscheidungsdilemma geraten, welches in ihren zentralen Lebensbereich eindringt. Deshalb erscheint mir es dringend geboten, noch stärker eine kritische Aufklärung der Öffentlichkeit über die individual- und sozialethische Brisanz vorgeburtlicher Diagnostik voranzutreiben. Diese muß es vor allem Frauen erlauben, sich nicht erst im Zustand existentieller Betroffenheit und unter Zeitnot mit prinzipiellen Überlegungen auseinanderzusetzen. Denn es ist damit zu rechnen, daß vorgeburtliche Diagnostik im Rahmen der ärztlichen Schwangerenvorsorge ihren Platz nicht nur behaupten, "(...) sondern auf der Basis neuer technischer Möglichkeiten (Fortschritte in der Genomanalyse, Auffinden kindlicher Zellen im mütterlichen Blut, Präimplantationsdiagnostik usw.) und gesellschaftlicher Leitbilder (Gesundheit als hohes Gut, verantwortliche Elternschaft) noch weiter ausbauen wird" (Arz- de Falco 1996, 265).
Eine Möglichkeit, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ist die, vorgeburtliche Diagnoseverfahren aus der üblichen Schwangerenvorsorge herauszunehmen und sie den Frauen als Spezialuntersuchung in besonderen Fällen anzubieten. Eine noch weitergehendere Forderung in diesem Kontext ist, die Schwangerenvorsorge wieder in die Hände von Hebammen zu legen, um dem medizintechnischen, risikoorientierten Ansatz einer Schwangerenbetreuung eine klare Absage zu erteilen. Als Feministin unterstütze ich diese von Theresia Degener (1992) und Ina Praetorius (1995) geforderte Bewegung einer feministischen Widerstandsethik, einer Ethik, die am guten Leben aller Menschen orientiert ist und einer "Selektionsethik" massiv entgegentritt.

Antje Kehrbach

geb. 1958, Krankenschwester, Hebamme, Dipl.-Berufspädagogin in Bremen.
E-Mail: kehrbach@uni-bremen.de

Quelle:
Dr. med. Mabuse, Heft 130, März/April 2001, S. 45-50
www.mabuse-verlag.de

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