Stillen und Beikost
Empfehlungen manipuliert von Säuglingsnahrungsherstellern?

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von Andreas W. Adelberger,
Geschäftsführer der Aktionsgruppe Babynahrung AGB/IBFAN, Göttingen

Alle zwei Jahre, so sieht es Artikel 11.7 des Internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) vor [1] soll der Generalsekretär der WHO über den Stand der Umsetzung des Vermarktungskodex den Mitgliedsstaaten bei der Weltgesundheitsversammlung (WHA) in Genf berichten. Im Vorfeld ist es durchaus üblich, Expertenrunden einzuberufen, welche die anstehende Fragen diskutieren und Empfehlungen abgeben. Unabhängig von dieser Berichtspflicht werden solche "Technischen Konsultationen" von der WHO oft gemeinsam mit anderen Internationalen Organisationen einberufen, um sich zu aktuellen Fragen und zu Empfehlungen zu äußern. So auch im Frühjahr 2000, als WHO und UNICEF 28 Experten für Kinderernährung zusammenriefen.

Zu Beginn des Treffens erwartete die Teilnehmer/-innen jedoch eine Überraschung. Zwei Beiträge, die gemeinsam mit anderen Hintergrundpapieren als Tischvorlagen dienten, waren einfach "verschwunden". Eines davon beschäftigte sich mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die Säuglingsernährung (Autorin: Judith Richter), das andere untersuchte Erfolge und Hindernisse bei der Umsetzung des Internationalen Kodex (von Ellen Sokol). Auf die Frage der beiden Autorinnen an die anwesenden WHO-Vertreter, was mit diesen Dokumenten geschehen sei, wurde ihnen geantwortet, dass diese überarbeitet würden. Später erschien der Beitrag zur Globalisierung im offiziellen Papier gekürzt um acht Seiten und zwar exakt um die - politisch brisanten - Passagen, die Zusammenhänge zwischen PR-Aktivitäten der Firmen und der Entwicklung von Ernährungsempfehlungen herstellten, wie die Autorin in einem Brief an British Medical Journal ausführte [2].


Expertenempfehlung: Beikost ab "circa sechs Monaten"

Bei der Vorstellung und Diskussion verschiedener Themenbereiche der Säuglingsernährung zeigte sich zuvor, dass 20 der 28 Teilnehmer/-innen genügend wissenschaftliche Belege als vorhanden erachteten, um zu einer Empfehlung für den Start von Beikost ab "circa sechs Monaten" zu kommen. Die WHO-Beamten jedoch lehnten eine derartige Diskussion ab - was die Teilnehmer/-innen befremdete, hatte es doch im Vorfeld keinerlei Beschränkung des Diskussionsrahmens gegeben. Inhaltlich steht die Empfehlung ab "circa sechs Monate" voll im Einklang zum Beispiel mit der Resolution 47.5 der World Health Assembly (WHA), welche seit 1994 den Einführungszeitpunkt ebenfalls mit "circa sechs Monaten" empfiehlt [3]. Gleichzeitig bedeutet diese Beikostempfehlung selbstverständlich, dass auch die Empfehlung zum ausschließlichen Stillen in der Konsequenz "circa sechs Monate" lauten muss. Jedoch: Es existieren bis heute keine offiziellen WHO-Empfehlungen zum ausschließlichen Stillen, die genau dies abbilden würden - eine Zweideutigkeit, die schleunigst beseitigt werden sollte. Hier sind die Regierungen gefragt. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu erfahren, warum Beschlüsse der rechtsetzenden Regierungsvertreter in der WHA nicht in der Verwaltung - der WHO - entsprechend umgesetzt werden. Die Vermutung liegt nahe, dass Hersteller von Muttermilchersatzproduk- ten bei einer neuen, beziehungsweise erneuerten, Empfehlung von "circa sechs Monaten" gegenüber "vier bis sechs Monaten", tiefgreifende Umsatzeinbussen von zwei Monaten befürchteten und deshalb ihr perfektioniertes Lobby-Instrumentarium einsetzten, um dies zu verhindern.


Risiken der zu frühen Beikost

Es stehen schon jetzt genügend Studien zur Verfügung, die ausdrücklich vor einem Beikost-Einführungszeitpunkt von "vier bis sechs Monate" warnen [4]. Als Argumente werden dabei genannt:

Diese Krankheitsrisiken bestehen jedoch nicht etwa nur für "Entwicklungsländer" - wo sie tatsächlich häufig zum Exitus führen. Das Risiko wird auch für "entwickelte" Länder wie Deutschland [5] eingeräumt - wo die Folgen des Nicht-Stillens mit einer teuren High-Tech Medizin zwar oft kompensiert oder abgeschwächt werden, jedoch bis heute keine volkswirtschaftlichen Rechnungen erstellt werden, wie viel letztlich die Bürger genau für diese Kompensationen bezahlen müssen. Diese Kompensationen werden häufig erst ermöglicht durch die immense Verzahnung auch des deutschen Gesundheitssystems mit den Säuglingsnahrungsherstellern, die scheinbar im konkreten Fall der WHO-Empfehlungen ihre Einflussmöglichkeiten gezielt einsetzten.


Welthandel profitiert von früher Beikost

Verstärkt wird diese Befürchtung durch die Tatsache, dass auch beim "Codex Komitee für Ernährung und diätetische Lebensmittel" (CCNFSDU) der Codex Alimentarius Kommission im Sommer 2000 die Diskussion um den Einführungszeitpunkt von Beikost auf der Tagesordnung stand. Die Codex Alimentarius Kommission ist eine gemeinsame Einrichtung der WHO und der Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, die neben der Welthandelsorganisation WTO eine entscheidende Rolle für den Welthandel spielt und bisher von Industriestaaten dominiert wird. Diese Kommission soll den Welthandel durch die Standardisierung von Nahrungsmitteln befördern und gleichzeitig den Verbraucherschutz sicherstellen - was manchmal einer Quadratur des Kreises gleicht. Im Sommer 2000 in Berlin, auf der Sitzung des CCNFSDU ging es letztlich genau um diese Frage - nämlich "Verbraucherschutz oder Handelsförderung?" - als um den "Standardvorentwurf für Getreidebeikost für Säuglinge und Kleinkinder" heftig debattiert wurde. Zu diesem Tagesordnungspunkt gingen so viele Stellungnahmen ein wie sonst selten. Der anwesende WHO-Vertreter berichtete in seinem Statement über die aktuelle Durchführung einer Studie zu Wachstumsreferenzwerten, von der man Daten zu der Altersspanne beziehungsweise zum Einführungszeitraum erwarte - was jedoch von anderen Ländervertretern angezweifelt wurde [6]. Die Studienergebnisse würden aber erst 2003 vorliegen. Schließlich plädierte er dafür, bei der Getreidebeikost auf dem Etikett zu vermerken, "dass empfohlen wird das Erzeugnis ab dem Alter von etwa sechs Monaten, jedoch nicht vor dem Alter von vier Monaten zu verabreichen". Auch dies ist ebenfalls eine zweideutige Aussage und lässt Gesundheitspersonal und Eltern im Unklaren darüber, wann nun mit der Beikost zu beginnen sei. Indien und andere Länder setzten sich bei der Diskussion vehement für einen konsequenten Schutz des Stillens und demgemäß für einen vorsichtigen Beginn der Beikost ein.


Viele Länder empfehlen schon jetzt "circa sechs Monate"

Die Angabe "circa sechs Monaten" auf den Beikost-Produktetiketten würde durch das "circa" verdeutlichen, dass es also einen Spielraum gibt, über den gemeinsam von Mutter und Kinderarzt, Hebamme oder anderem Gesundheitspersonal nach Beurteilung des Ernährungsstatus entschieden werden muss. "Sechs Monate" gibt die Grundrichtung an, die schon jetzt von vielen Staaten in ihren nationalen Regelungen verwirklicht wird: 61 Länder, darunter Industrieländer wie zum Beispiel Tschechien, die Slowakische Republik und einige osteuropäische Länder empfehlen schon jetzt "circa sechs Monate" (eine vollständige Liste aller Länder ist bei der Aktionsgruppe Babynahrung erhältlich). Auch die Amerikanische Kinderärztevereinigung AAP empfiehlt seit 1997 eine ausschließliche Stilldauer von mindestens sechs Monaten [7]. Und das, obwohl die USA aufgrund ihrer Geschichte nicht gerade zu den Staaten gehört, bei denen die Muttermilchernährung einen guten Stand hätte. Noch immer existieren dort in vielen Regionen gar moralische Bedenken, wenn die Mutter in der Öffentlichkeit stillt.


Deutschland: Keine Gelder für fundiertes Stillmonitoring

Deutschland gehört allerdings auch (noch?) nicht zu den Vorreitern einer stillfreundlichen Gesellschaft - welche demgemäß die Beikostrichtlinien zugunsten einer stillfreundlichen Entwicklung anpassen würde. Die Nationale Stillkommission, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und das Forschungsinstitut für Kinderernährung empfehlen die Einführung von Beikost nicht ab "circa sechs Monaten". Bis heute haben wir keine repräsentative Studie zu Stillraten und Stillgewohnheiten in Deutschland. Selbst die kürzlich veröffentlichte "SuSe-Studie" zu Stillen und Säuglingsernährung in Deutschland [8] ändert daran nichts. Sie bleibt hinter den geweckten Erwartungen zurück: Die Autorinnen räumen selbst ein, dass die erhobenen Daten nicht verglichen werden könnten, da keine Gewähr für eine repräsentative Stichprobe gegeben sei.
Gelder für fundiertes Stillmonitoring in Deutschland und die Ableitung entsprechender Empfehlungen durch die Wissenschaft sind daher bitter nötig. Auch hier ist dabei kritisch zu fragen, wie es die Hersteller durch ihre Lobbyarbeit geschafft haben, Investitionen für eine wirklich gesunde Ernährung zu verhindern.


Steuergelder für Milupa

Es mutet mehr als sonderbar an, wenn einerseits millionenschwere Forschungsprojekte für die Firma Milupa vergeudet werden, andererseits aber kein Geld vorhanden ist, um zum Beispiel die Initiative Stillfreundliches Krankenhaus (BFHI) in Deutschland kraft Gesetz auf ordentliche Füße zu stellen: Mit einer dreiviertel Million Mark jährlich erhalten Milupa und andere Firmen zur Entwicklung von funktionellen Nahrungsmitteln (functional food) frisches Geld beziehungsweise Steuer- mittel [9], mit denen Oligosaccharide aus der Muttermilch separiert werden, um sie später auf künstlichem Weg der Produktpalette zusetzen zu können - mit einer großen Werbekampagne, wie dies für die langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren (LCP) schon der Fall war. Auch die LCP sind - wie die Oligosaccharide - in der Muttermilch vorhanden. Wir leisten es uns aber in Deutschland und international, dass Hersteller ihren Einfluss ungeschminkt verstärken und steigern dürfen - auf Kosten des Gesundheitssystems - um Binsenweisheiten der Öffentlichkeit als Firmenerfindungen zu verkaufen. Die Gewinne aus dieser Forschung werden privatisiert, die Kosten sozialisiert. Es ist Zeit für ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber Behörden und Entscheidungsträgern. Es ist Zeit für eine finanziell adäquat ausgestattete Stillförderung in Deutschland, bei der es nicht um billige Allgemeinplätze geht, wie "Breast is Best", sondern um zukunftsfähige Empfehlungen in der Säuglingsernährung und transparente Entscheidungen auf allen politischen und wirtschaftlichen Ebenen, die die Verbesserung der Säuglingsgesundheit zum Ziel haben.


Anschrift des Verfassers:
Aktionsgruppe Babynahrung/IBFAN
Andreas W. Adelberger
Untere Masch Str. 21
37073 Göttingen,
Tel: (0551) 531034
Fax: (0551) 531035
Internet: www.babynahrung.org


Anmerkungen:

[1] World Health Organisation (1981)
Internationaler Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten, Genf

[2] Richter J (2000)
A question of standards? British Medical Journal BMJ 2000; 321:95 sechs
(14 October) erhältlich über www.bmj.com (Archivsuche)

[3] World Health Assembly (1994)
Infant and young child nutrition, WHA 47.5 2. (1) (d), Genf

[4] IBFAN/Consumer International Briefing Paper (2000)
erhältlich bei der AGB in Göttingen

[5] Przyrembel H (2000)
Stillen ist das Beste, Kinderärztliche Praxis (Sonderheft Säuglingsernährung):10-14

[6] Codex-Alimentarius-Kommission (2000)
Bericht der 22. Sitzung des Codex-Komitees für Ernährung und diätetische Lebensmittel ALINORM 01/2sechs

[7] American Academy of Pediatrics (1997)
Breastfeeding and the Use of Human Milk RE9729

[8] Dulan M , Kersting M (2000)
Stillförderung in Geburtskliniken in Deutschland: Ergebnisse der SuSe-Studie, Der Frauenarzt 41 (2000), Nr. 11

[9] BEO Projektträger Biologie, Energie, Umwelt (2000)
Jahresbericht 1999, Jülich

Quelle:
Hebammen Forum
http://www.hebammen-forum.de/docs/wissen/2001/02_w_beikost_stillen.html
2001

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