Vorbelastete Mütter
Folgeschwangerschaft nach behindertem Kind

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von Ingeborg von Heygendorff

Ich bin eine betroffene Mutter, die in der letzten Schwangerschaft gemerkt hat, daß sich niemand mit ihr unbelastet freuen konnte und die sich mit niemanden über ihre Sorgen und Hoffnungen austauschen konnte.

Hier möchte ich meine Geschichte erzählen und damit auch den Grund darstellen, warum ich im April 2003 eine Mailingliste zum Thema Folgekinder ins Leben gerufen habe. Ich bin Jahrgang 1970 und habe mich nach meinem Studium zusammen mit meinem Mann als Rechtsanwältin niedergelassen. Drei Monate nachdem wir uns selbständig gemacht hatten, ist unser erstes Kind, Justus, geboren. Alles war wunderbar und er entwickelte sich altersgerecht. Mit 12 Monaten fiel erstmals auf, dass die Entwicklung in Richtung Laufen und freies Stehen nicht recht weiterging. Ich wurde auf später vertröstet, es würde alles noch kommen... Ich war zu diesem Zeitpunkt schon mit Tilman schwanger.

Tilman wurde geboren, als Justus 20 Monate alt war, und Justus konnte immer noch nicht laufen. Auch außer Lautiererei kamen keine Wörter. Also Überweisung in die Kinderklinik. Dort dann die Nachricht: Mein Kind habe eine Stoffwechselerkrankung - welche wisse man noch nicht, man könne für Justus sowieso nichts mehr tun, und wie ich es wagen könnte, ein weiteres Kind zu bekommen, denn das sei mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch krank. Das sind so Nachrichten, die im Wochenbett richtig gut kamen. Die Vorstellung, dass ich jemals wieder Sonnenschein oder blauen Himmel genießen können würde, kam mir unwahrscheinlich vor.

Zum Glück kam es nicht so. Tilman ist nicht krank und Justus hat auch keine progressive Erkrankung. Tilman tat uns den Gefallen, sich äußerst schnell zu entwickeln und uns damit viel Angst und Sorgen zu nehmen. Dennoch wurde er natürlich auch von der Frühförderung und von den Ärzten argwöhnisch betrachten. So ist Tilman lange bei wenigen Worten geblieben. Da wurde mir schon geraten, ihn genauer untersuchen zu lassen, auch hatte er taktile Auffälligkeiten. Bestimmte Dinge mag er nicht anfassen, barfuß am Strand ist für ihn ein Gräuel u. ä. Da hat dann auch die Frühförderin uns auf diese Auffälligkeiten hingewiesen. Also wieder in die Kinderklinik. Dazu später mehr.

Im Juli 2000 machten mein Mann und ich einen kinderfreien Urlaub im Harz. Aus diesem Urlaub haben wir uns ein kleines ungeplantes dauerhaftes "Mitbringsel" als Erinnerung mitgebracht. Der Urlaub war also nicht ganz so kinderfrei wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir haben diese Schwangerschaft ganz geheim gehalten, denn ich hatte Angst vor den Reaktionen auch innerhalb der Familie. Nur unseren besten Freunden, die auch ein behindertes Kind haben, hatten wir es erzählt.

Bei den Vorsorgen beim Frauenarzt galt ich gleich als Risikoschwangere. Auch wurde sofort das Thema pränatale Diagnostik angesprochen. Mit meinem Frauenarzt habe ich dann besprochen, dass wir eine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen lassen, damit wenigstens grobe chromosomale Veränderungen (hoffentlich) ausgeschlossen werden können. Außerdem standen zu diesem Zeitpunkt auch noch einige Muskelerkrankungen im Raum, die so hätten ausgeschlossen werden können.

Bereits bei der Durchführungen dieser Untersuchungen hatte man mir von ärztlicher Seite immer wieder gesagt, dass ich mir schon jetzt im Klaren darüber sein müsste, wie ich reagieren würde, wenn das Ergebnis auffällig sein würde. Ich war mir eigentlich im Klaren, ein weiteres behindertes Kind nicht mehr zu schaffen und damit auch den Rest der Familie zu sehr zu belasten. Wie ich aber tatsächlich reagiert hätte, weiß ich nicht, denn zum Glück kam das Ergebnis, dass ein gesunder Chromosomensatz vorliege. Wir waren glücklich, auch wenn uns natürlich bewusst war, dass wir aus Millionen von möglichen Behinderung gerade mal eine einstellige Zahl ausgeschlossen hatten.

Zu weiteren Untersuchungen wie z.B. Fehlbildungsultraschall ist es aus Zeitmangel nicht gekommen, denn ich war wie schon vor der Schwangerschaft mit Justus in der Ukraine zur Therapie gebucht und damit war dann das günstige Zeit-Fenster dieser Untersuchung überschritten. Ausserdem war uns klar, dass ich zu diesem späten Zeitpunkt der Schwangerschaft sowieso keinen Abbruch mehr machen würde. Also haben wir uns und dem Kind auch den Streß und die nervliche Belastung einer weiteren Untersuchung erspart. "Liesl", so war der Arbeitsname, war sehr ruhig und strampelte wenig, was mich natürlich immer beunruhigte.

Dann bin ich in die hiesige Entbindungsklinik zur Vorstellung gegangen, um dort einen geplanten Kaiserschnitt zu besprechen. Bei Justus ist der Grund der Hirnschädigung nicht auszumachen und eine geburtliche Schädigung steht im Raum. Das Risiko wollte ich für ein weiteres Kind ausschalten. Der Oberarzt verstand meine Bitte. Auch wenn er sehr die natürliche Geburt propagierte, akzeptierte er unsere Entscheidung. Liesl war nett und saß in der Beckenendlage und rührte sich nicht vom Fleck und schuf so eine Indikation. So haben wir dann ihren Geburtstag festgelegt. Es sollte der Königinnentag sein am 30. April, an dem der Geburtstag der Königin Juliana in den Niederlanden gefeiert wird.

Am Tag vor dem Kaiserschnitt bin ich dann im KH aufgenommen worden und dann gleich einem syrischen Arzt in die Hände gefallen, der mich nochmals untersuchen sollte. Dabei erklärte er mir, der geplante Kaiserschnitt sei ein "Verpissen" meinerseits, ich hätte lediglich Angst vor der Geburt. In Syrien hätte ich das niemals durchsetzen können. Mein Hinweis, ich habe zwei Kinder spontan und so natürlich wie nur möglich bekommen und jetzt liege eine Beckenendlage vor, wischte er einfach weg mit der Bemerkung, das sei ja nur ein leicht erhöhtes Behinderungsrisiko. Als ich ihm dann sagte, ich hätte schon ein behindertes Kind, warf er mir vor, zuwenig Pränataldiagnostik betrieben zu haben. Er zählte mir auf, was ich alles hätte tun sollen (ist irgendwie untergegangen, kann mich nicht mehr erinnern) und endete dann mit den Worten: Naja, jetzt ist es eh zu spät, morgen wird das Kind mit allen Krankheiten und Behinderungen geboren... und verschwand. Die Hebamme fand mich eine halbe Stunde später in einem Meer aus Tränen am CTG hängend.

Die Hebamme hatte vier Kinder in der Schwangerschaft verloren und konnte sich ein wenig besser einfühlen und versprach mir, beim Kaiserschnitt bei mir zu bleiben, denn sie glaubte, ich brauchte eine starke und erfahrene Person an meiner Seite. Das hat sie auch getan, obwohl ihre Dienstzeit zu Ende war und wir 4 Stunden auf den Kaiserschnitt warten mussten. Ich werde ihr ewig dankbar für ihre Unterstützung sein.

Juliana wurde dann wie geplant am 30. April geboren und erstaunlich war, dass nur die Chefs und Oberärzte an der OP teilgenommen haben. Es wurde eine viel engmaschigere Untersuchung durchgeführt und auch der Chef der Kinderklinik stand bereit, um Juliana entgegen zu nehmen. Ich durfte Juliana kurz sehen und die Hebamme hat sie mich küssen lassen... die Arme hatte ich wegen der Anesthesie nicht frei. Dann nahm der Arzt sie und machte mir wenige Minuten später nach der Untersuchung einen Daumen hoch zum Zeichen - und dann weinten mein Mann und ich bitterlich den Rest der OP und auch noch im Kreißsaal, als wir dann endlich Juliana in den Arm nehmen durften.

Ich bekam wenige Tage späten einen furchtbaren Babyblues, der sicherlich nicht nur hormonell bedingt war, sondern auch eine gewaltige Trauer über mein "verlorenes" gesundes Kind Justus war. Jedenfalls konnte man in den Fluren des Krankenhauses Gondel fahren, so geheult habe ich.

Als wir dann mit Juliana nach Hause gekommen sind, mussten wir uns als Familie und mit neuem Au Pair ganz neu organisieren. Tilman ist mit der Situation nicht klar gekommen. Er hat das Sprechen eingestellt (26 Monate alt) und bekam Neurodermitis. Ich habe unseren KG gefragt, der Wunder mit Bachblüten vollbringt, ihm eine Mischung zu machen... und siehe da, Tilmans Haut heilte und wenige Tage später sprach er in ganzen Sätzen mit Nebensätzen. Sein Wortschatz ist von ca. 10 Worten auf mindestens 500 in vier Tagen explodiert.

Hier schließe ich wieder oben an, wo ich aufhörte. Im Krankenhaus galt Tilman dann als sprachunauffällig und die taktilen Auffälligkeiten sind nach der Einschätzung des Kinderarztes eher auf eine hohe Intelligenz zurückzuführen. Dies ist bei hochbegabten Kindern ein typisches Merkmal.

So hatten wir unsere Freude an Juliana und Tilman bis bei der U3 ein Herzgeräusch bei Juliana festgestellt wurde. Ein Ultraschall ergab dann einen Herzfehler, der sich dann aber in wenigen Wochen verwachsen hat. Juliana ist in ihrer Entwicklung im Bereich des Normalen, wenn auch nicht so schnell, so dass immer mal wieder Sorgen aufkommen, aber sie scheint bis auf einen Minderwuchs (kleine Eltern) gesund zu sein.

Die Erfahrungen die ich mit der Außenwelt gemacht habe, aber auch mein innerliches Gefühlschaos haben mich veranlasst, nach einer Anlaufstelle für einen Austausch für Eltern zu suchen, die nicht mehr unbefangen schwanger sein können. Da ich keine gefunden habe, habe ich diese Mailing-Liste ins leben gerufen und freue mich über den Zuwachs auf dieser Liste.

Mailingliste "Folgekinder":

Wenn Ihr nach der Geburt eines kranken oder behinderten Kindes, wieder schwanger seid oder werden wollt oder bereits ein Folgekind habt, würde ich Euch gerne zu meiner Mailingliste "Folgekinder" einladen.

Die Homepage der Mailingliste findet Ihr unter:
http://de.groups.yahoo.com/group/Folgekinder/

Zur Anmeldung einfach eine e-mail schicken an:
Folgekinder-subscribe@yahoogroups.de


November 2003

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Aktualisiert: 25.11.2011  webmaster@geburtskanal.de
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