Familienleben in unserer Gesellschaft
Was machen die Väter?

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Gleichgesinnte

Es ist noch nicht so lange her - ich kam grade von Aldi, in jeder Hand zwei schwere Taschen und den Buggy mit meinem Jüngsten vor mir herschiebend - da begegnete mir in der goldenen Abendsonne auf offener Strasse ein Vater mit seinem Baby im Kinderwagen. Im Vorübergehen warf ich einen Blick hinein - alte Gewohnheit - und musste lächeln. Besagter Vater sah meine Reaktion, blieb stehen und fragte, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, "Noch nie 'nen Vater mit Kinderwagen gesehen?" Der Stolz war ihm anzumerken.

"Doch", stammelte ich und blieb stehen, "klar, hab ich. Aber noch nie einen solchen Winzling mit einer neongelben Baseballkappe…"

Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir von seiner 4jährigen Tochter, als zweiter Zwilling zu früh geboren, die Zwillingsschwester war kurz nach der Geburt wegen Lungenproblemen gestorben. Das jetzt vierjährige Mädchen hatte die Strapazen der viel zu frühen Geburt nicht unbeschadet überstanden, sie ist schwerbehindert. Die täglichen Spaziergänge mit dem neugeborenen (gesunden) Sohn sind für ihn jetzt schon fast zur Routine geworden. In dieser Zeit können Mutter und Tochter ungestört Zeit miteinander verbringen.

Gelegentlich wird auch gewechselt, erzählt er, die Mutter fährt mit dem Baby aus und er kümmert sich um die Tochter. Manchmal schaffen sie es ja auch, alle zusammen loszuziehen. Im Moment allerdings sei seine Frau immer froh, wenn sie am späten Nachmittag etwas Ruhe habe, die Tage seien lang und anstrengend und die kurzen unterbrochenen Nächte forderten ihren Tribut.

Alles klar, dachte ich mir, klassische Rollenverteilung. Er kommt von der Arbeit und schlüpft in die Vaterrolle. Aber hab mein Urteil dann schnell revidiert: Er ist zuhause und sie geht arbeiten, erzählt er mir. Seit drei Wochen ist der Mutterschutz vorbei, sie ist wieder voll berufstätig. Tagsüber kümmert er sich um beide Kinder, manchmal hilft die Grossmutter aus, allerdings ist die selbst ganztags berufstätig. Nur nachts steht seine Frau meistens auf, wegen Stillen. Er ist dann für die Tochter zuständig, die aber seit einiger Zeit meistens durchschläft. Da sind beide froh drüber.

Wie er sich denn dabei fühlt, frage ich, muss doch ziemlich belastend sein? Klasse mittlerweile, antwortet er, nach der ersten Geburt sei es sehr schwer gewesen, ein emotionales Auf und Ab, sie haben sich beide erst auf das kranke Kind und die neue Situation überhaupt einstellen müssen. Kam alles ziemlich unvorbereitet und eben ganz anders als erwartet, das war schon die Keule am Anfang. Und am schlimmsten waren die Reaktionen der Bekannten, die plötzlich nicht mehr wussten, was sie sagen oder wie sie sich verhalten sollten. Dass er zuhause bleiben wird, war schon vorher beschlossene Sache. Mit der Zeit haben sie einen anderen Freundeskreis gefunden, auch durch Kontaktgruppen mit Eltern von Frühchen und behinderten Kindern. Dadurch können sie manchmal sogar alleine ausgehen, mal wieder Kultur oder so. Im Moment geht er mit seiner Tochter dreimal in der Woche zur Therapie und einmal zur Behindertengruppe. Das Baby nimmt er jetzt mit. Seine Frau, erzählt er, unterrichtet an der Uni, Kunstgeschichte, hat ausserdem einen Lehrauftrag an einer anderen Hochschule, wo sie dann 200 km hinfährt, meistens für zwei oder drei Tage im Monat.

Was denn mit seiner Berufstätigkeit sei? Das nimmt er nicht mehr so wichtig, er habe 'nebenbei' angefangen, an der Fernuni zu studieren (Wirtschaftswissenschaft), das ginge ziemlich langsam voran und würde ihn noch eine Weile in Anspruch nehmen. Eine Art Ausgleich zum Familienleben sozusagen. Eigentlich sei er Kunstschmied, aber das könne er im Moment sowieso nicht weiterverfolgen, Zeitmangel und Platzprobleme. Die Familie wolle irgendwann mal auf's Land ziehen, dann vielleicht…

Ob ich in der Nähe wohne und ob ich noch mehr Kinder habe, fragt er mich, bevor wir uns trennen. Man könnte sich ja vielleicht mal treffen und das Gespräch bei einem Glas Bier oder so …

Gerne, antworte ich, bin auch Hausmann, meine Kinder sind zwei und sieben, die Grosse geht jetzt schon in die Schule. Meine Partnerin hat einen kleinen Buchladen mit Teestube. Der Grossvater wohnt auch im Haus, er ist in Rente und hilft mit dem Laden. Und gelegentlich schreibe ich für Fachzeitschriften, mein Spezialgebiet ist Botanik. Das Schreiben macht mir Spass und das Geld, was dadurch reinkommt, können wir auch gut gebrauchen…

Also dann, bis bald mal …


Alexander "Cloony" Buttgereith


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