Schwangerenvorsorge kritisch betrachtet - Die pränatale Diagnostik als zentrales Problem - Geringerer Anteil an Risikoschwangerschaften bei Vorsorge durch Hebammen
Der folgende Artikel erschien im Hebammen-Forum:
Modelle alternativer Schwangerenvorsorge
Ein Beitrag über einen Workshop auf dem Fachtag der Diakoniekirche am 13. Juli 2000 in Hannover
von Andrea Bosch, Hebamme in Stuttgart
Auf dem Fachtag zur vorgeburtlichen Diagnostik stellten die Hebammen Monika Schmid und Andrea Bosch in einer Arbeitsgruppe "andere Wege in der Schwangeren-Vorsorge" vor. Er war Teil einer Reihe von Veranstaltungen, die die Diakoniekirche anlässlich der EXP0 2000 veranstaltete.
Bei der kritischen Betrachtung der Praxis pränataler Diagnostik wird die routinemäßige Anwendung in der Schwangerenvorsorge zunehmend als zentrales Problem gesehen.
Auch in der Kirche werden die Stimmen lauter, die eine Trennung von Vorsorge und PD fordern. So waren wir zwei Hebammen (Monika Schmid, selbst in der Vorsorge tätig, und ich, Andrea Bosch) eingeladen, über andere Wege in der Vorsorge zu berichten und zu diskutieren.
Die Teilnehmenden der Arbeitsgruppe kamen überwiegend aus dem Arbeitsfeld der Diakonie. Einige arbeiten an unterschiedlichen Stellen in der Begleitung schwangerer Frauen. Sie suchten den Austausch über Alternativen und Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit.
Der Blick über die Grenzen, auf die Praxis anderer europäischer Länder (siehe Beitrag Angelica Ensel) zeigte, dass es keine einheitlichen Vorstellungen einer guten Schwangerenvorsorge gibt. Selbst die Zahl der empfohlenen Untersuchungen schwankt stark. Das trifft zum Teil auch auf die Inhalte der Vorsorge zu, eine in einem Land für unabdingbar gehaltene Maßnahmen ist im anderen gar nicht vor- gesehen. Länder, in denen Hebammen üblicherweise die Schwangerenvorsorge machen, haben einen geringeren Anteil an Risikoschwangeren. Je höher die Gynäkologendichte, desto mehr Risikoschwangerschaften werden diagnostiziert.
Über das, was Frauen wollen, wie sie sich Schwangerenbegleitung wünschen, gibt es kaum Erkenntnisse.
Interessant für uns waren deshalb die Antworten der Arbeitsgruppen-Teilnehmer/-innen auf die Frage, was sie sich in der Schwangerenvorsorge wünschen:
- Zeit: für Fragen, für umfassende Beratung, um Untersuchungen und Fachbegriffe zu erklären, um über eigene Beobachtungen und Körpererfahrungen sprechen zu können
- Ernst genommen werden, Wertschätzung der Person
- Ganzheitliche Betreuung; Mentorin-Sein für die neue Lebensphase; individuelle Begleitung; Erschließung von Kraftquellen
- Einbeziehung des Partners, gute Erreichbarkeit, kontinuierliche Betreuung
- "Ich werde einfach in Ruhe gelassen"
Auffällig war, dass, bis auf den Wunsch "keinen Ultraschall", medizinische Themen keine Rolle spielten. Darauf aufbauend diskutierten wir, was Modelle alternativer Schwangerenbegleitung leisten sollen:
- Sie bieten eine Alternative zu angstmachender, risikoorientierter Schwangerenvorsorge
- Sie stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten der Frauen
- Sie sind Lobby für Normalität und gesunden Menschenverstand
- Sie lassen den Frauen die Verantwortung, Selbstbestimmung und Kompetenz für ihre Schwangerschaft
Monika Schmid stellte ihr Konzept der Schwangerenvorsorge vor: Im Mittelpunkt steht die Frau und ihr Befinden. Dadurch wird der Ablauf der Vorsorgeuntersuchung bestimmt und nicht durch festgelegte Routineuntersuchungen. Verschiedene interdisziplinäre Kooperationsmodelle wurden kurz unter dem Aspekt, ob sie die erarbeiteten Kriterien erfüllen, betrachtet.
Die AG sah allerdings das Hauptproblem darin, dass so wenige Frauen über diese Alternativen und ihre Wahlmöglichkeiten Bescheid wissen. Darüber zu informieren stellte sich für die Teilnehmenden als wichtigste Aufgabe.
Quelle:
Hebammen-Forum
www.hebammen-forum.de
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