Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
Universität Leipzig, 15.03.2004

Viele Missbildungen bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel erkennbar

Universitäts-Frauenklinik bildet Ärzte für First-Trimester-Screening aus

Die Schwangerschaft als Zeit des Hoffens und Wartens und der Freude hat
immer auch eine Kehrseite: Monatelanges Bangen, ob das Kind gesund zur
Welt kommt. Seit einiger Zeit haben die Mediziner eine Möglichkeit mehr, das Risiko schwerer angeborener Fehlbildungen abzuschätzen: das
First-Trimester-Screening. Die fachliche Betreuung der rund 60 Experten, die im mitteldeutschen Raum dieses Screening durchführen, obliegt Prof. Dr. Renaldo Faber, Leiter der Abteilung für Pränatal- und Geburtsmedizin an der Frauenklinik der Universität Leipzig.

First-Trimester-Screening bedeutet, dass im ersten Drittel
(First-Trimester) der Schwangerschaft eine vergleichsweise
kostengünstige, aussagekräftige und für alle Frauen zugängliche Analyse
(Screening) unternommen wird. Diese Ultraschalluntersuchung in der 11.
bis 14. Schwangerschaftswoche geht weit hinaus über die schon seit
Langem für diesen Zeitraum obligatorische Ultraschalluntersuchung, bei
der lediglich festgestellt werden kann, ob das Kind lebt, die
erforderliche Größe hat und eventuell grobe Missbildungen aufweist.

"Das First-Trimester-Screening hat - und das zu solch einem frühen
Zeitpunkt - wesentlich mehr Aussagekraft", so Prof. Faber. "Es
ermöglicht eine etwa 80 prozentige Risikoabschätzung hinsichtlich des
Down-Syndroms, (Trisomie 21) und aller anderen häufigen
Chromosomen-Anomalien, wie zum Beispiel Trisomie 18, Trisomie 13 oder
dem Turner-Syndrom. Weniger einschneidende Veränderungen des
Erbmaterials erkennen wir mit etwas geringerer Wahrscheinlichkeit. Eine
mögliche Blutuntersuchung erhöht die Wahrscheinlichkeit dieser
Risikofeststellung um weitere zehn Prozent. Auch Mehrlingsschwangerschaften lassen sich bei dieser Untersuchung sehr früh
prognostisch einschätzen.

Außerdem kann der erfahrene Arzt am fünf bis acht Millimeter winzigen
Herzen, an Zwerchfell, Nieren, Rückenmarkt oder Extremitäten schwere
angeborene Fehlbildungen entdecken beziehungsweise ausschließen. Sind
Fehlbildungen zu befürchten, werden alle invasiven Techniken wie
Plazentapunktion (Chorionzotten-Biopsie), Fruchtwasserpunktion
(Amniozentese) und Nabelschnurpunktion (Kordozentese) zur Gewinnung von kindlichen (fetalen) Zellen beziehungsweise Geweben durchgeführt.

Wenn sich eine Schwangere aus eigenen Überlegungen heraus zum
First-Trimester-Screening entschließt, muss sie allerdings zuerst einmal
in ihre private Tasche greifen. Die Ultraschalluntersuchung
beispielsweise kostet zwischen 100 und 150 Euro, an der
Universitätsfrauenklinik 124 Euro. Die Krankenkassen springen erst
wieder ein, wenn Fehlbildungen nachweisbar sind."Trotzdem würde ich
jeder werdenden Mutter zu dieser Untersuchung raten", so Faber .
"Sicherlich ist es eine ethische Frage, wie ich mit dem Wissen um die
Fehlbildungen meines Ungeborenen umgehe. Aber 95 Prozent der Frauen, die
mit der dramatischen Nachricht einer Erbmaterialstörung konfrontiert
werden, brechen die Schwangerschaft ab. Diese Chance sollte man den
Betroffenen einräumen, ihnen aber bei dieser schweren Entscheidung
helfen, indem man möglichst umfassende Informationen über die
Wahrscheinlichkeit und die Ausmaße der zu erwartenden Krankheit
liefert." Doch auch Frauen, die von vornherein entschlossen sind, jedes
Ungeborene auszutragen, nutzen dieses Angebot, weil ihnen in der
Mehrzahl der Fälle die immer vorhandene Sorge genommen werden kann.

Was genau könnten Prof. Faber und seine Kollegen bei einem gerade mal 45
bis 84 Millimeter großen Fötus entdecken? Und wie wird das Risiko
berechnet? "Es ist vor allem die Nackentransparenz, die mit dem
Ultraschall gemessen wird. Ist diese Wasseransammlung im Rückenbereich
größer als 2,5 Millimeter, steigt die Gefahr von Missbildungen", so
Faber. "Der Wert geht ein in eine komplizierte Risikoberechnung. Neben
der Nackentransparenz spielt da das Alter der Frau eine Rolle und das
Auftreten von Erbkrankheiten in ihrer Familie. Waren Alter und familiäre
Erbbelastung früher die einzigen greifbaren Risiken beim Down-Syndrom,
so sind sie jetzt also nur noch Kriterien, die wir in die Gesamtaussage
einbeziehen können." Das heißt die strenge, allein von der Statistik
dirigierte Regel, nach der sich Frauen über 35 zur Fruchtwasserpunktion
entschließen sollten, wird dadurch objektiviert. Immerhin werden
beispielsweise rund 70 Prozent aller Kinder mit Down-Syndrom von Frauen
unterhalb dieser Altersgrenze geboren, also von Frauen, denen früher
nicht automatisch spezielle Tests angeboten worden wären.

Da sich Schwangere zunehmend zum First-Trimester-Screening entschließen,
öffnen sich auch der Wissenschaft neue Erkenntnisfelder. "Es wird immer
deutlicher, ab wann welches Krankheitsbild wirklich diagnostizierbar
ist, ab welcher Schwangerschaftswoche, ein bestimmter Herzfehler oder
der offene Rücken zu erkennen ist", so Faber.

Völlig neu in der Medizin ist das System, dass ein Experte wie Prof. Dr.
Renaldo Faber als eine Art Tutor dafür verantwortlich zeichnet, alle
Ärzte, die eine bestimmte Untersuchung durchführen, regelmäßig zu
schulen. "Nur wer sich während der jährlichen Refresherkurse an der
Universität Leipzig oder entsprechenden anderen Einrichtungen mit den
aktuellsten Entwicklungen befasst," so Faber, "darf diese Methode
anwenden und vor allem gegenüber den Schwangeren verbindliche Aussagen
treffen."

Marlis Heinz

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Renaldo Faber
Telefon: 0341 97-23595
E-Mail: fabr@medizin.uni-leipzig.de


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