Wassergeburten in Sterzing
Parti in acqua a Vipiteno
Über die Geburt im Wasser
Abstract + Studie - Physiologische Gesichtspunkte
Über die Geburt im Wasser und das Infektionsrisiko
WATER BIRTH: a safe and natural delivery method
A. Thöni 1), K. Mussner 2), L. Moroder 3)
1 Gyn. - geburtsh. Abteilung, Kreiskrankenhaus Sterzing/Südtirol/Italien
2 Pädiatrische Abteilung, Kreiskrankenhaus Sterzing
3 Mikrobiologisches Landeslabor Bozen/Südtirol
Zusammenfassung:
Fragestellung: Das Ziel dieser Studie war, die Geburten im Wasser mit anderen Gebärpositionen zu vergleichen, das Wasser in der Gebärwanne auf die darin enthalten Keime zu untersuchen und das Infektionsrisiko der Wasserbabies mit den Landbabies zu vergleichen.
Methode: Anhand von 1355 Wassergeburten, 515 Geburten auf dem traditionellen Gebärbett und 237 Geburten auf dem Hocker, wurden die Geburtsdauer, die Dammschnitt und Dammrissrate, der Schmerzmittelverbrauch, der arterielle Nabelschnur-pH-Wert, der Base-Excess, das Auftreten von Schulterdystokien bei den Wassergeburten, der mütterliche Hb-Wert im Wochenbett und die Infektionsgefahr für das im Wasser geborene Baby analysiert.
Ergebnisse: Bei der Geburtsdauer ließ sich bei den Erstgebärenden, die im Wasser geboren haben, eine deutliche Verkürzung der Eröffnungsphase feststellen (380 Minuten in der Wanne vs 467 auf dem Gebärbett), während die Austreibungsphase bei allen Positionen gleich lange dauerte (um 35 Minuten). Bei den Gebärenden im Wasser waren signifikant weniger Dammschnitte (0.44%) im Vergleich zu den Gebärenden auf dem Bett (10,2%) oder auf dem Hocker (7,2 %) erforderlich, ohne daß dies zu Lasten von vermehrten Dammrissen ging. In der Wanne war keine Verabreichung eines Schmerzmittels notwendig. Der arterielle Nabelschnur-pH-Wert, der Base-Excess und der am 1. postpartalen Tag ermittelte mütterliche Hb-Wert ergaben im Vergleich mit den untersuchten Gruppen keine signifikanten Unterschiede. Bei den Wassergeburten sind drei Schulterdystokien zu verzeichnen.
1,34 % der Wasserbabies gegen 3,40 % der Landbabies hatten Infektionszeichen. p = <0,05.
Schlussfolgerung: An unserer Abteilung ergibt die Geburt im Wasser eindeutige Vorteile: eine bedeutend verkürzte Eröffnungsphase, signifikant weniger Dammschnitte und keinen zusätzlichen Bedarf an Analgetika. Es konnte keine erhöhte Infektionsgefahr für das Neugeborene festgestellt werden.
Abstract:
Objective: To provide an answer of the advantages offered by this type of birth the aim of our study was to analyse water births and to compare them with two other delivery positions.
Methods: We compared 1355 water births, 515 deliveries in bed and 237 on the delivery stool over the last 7 years. We evaluated duration of labour, perineal trauma, arterial cord blood pH and postpartum maternal haemoglobin levels. By analysis of 200 water samples, taken from the bath after filling and after delivery, we analyzed pathogenous micro-organisms and the possibility to have neonatal infections.
Results: Duration (first stage) of labour and episiotomy rate was significantly reduced in primiparas with water birth compared with the other delivery positions. Nevertheless, the percentage of perineal trauma was not increased. There were no differences in the duration of the second stage and arterial cord blood pH or postpartum maternal haemoglobin levels remained unchanged. No woman with water birth required analgesics.
Infections after water births do not occur more frequently than after traditional births. p-value = 0,05
Conclusion: Our results show that water birth has a major advantage compared with traditional delivery methods. It is associated with a significantly shorter first stage of labour, lower episiotomy rate and reduced analgesic requirements when compared with other delivery positions. Provided the women are selected appropriately, and the hygiene rules are respected, water birth is safe for the mother and neonate.
Die ganze Studie:
Über die Geburt im Wasser und das Infektionsrisiko
Physiologische Gesichtspunkte bei der Wassergeburt
Einer der häufigsten Einwände gegen die Wassergeburt ist (war), dass diese kein physiologischer Vorgang sei und dass es zu einem erhöhten Infektionsrisiko wegen der Aspirationsgefahr im mit Bakterien verseuchten Wasser in der Gebärwanne kommt.
Mit Kenntnis der Grundlagen aus der fetalen und neonatalen Physiologie lässt sich erklären, warum eine Wassergeburt gefahrlos für das Baby durchgeführt werden kann.
Drei Phänomene müssen beschrieben werden :
1. der Diving-Reflex (Tschobroutsky 1969)
2. die fetalen Atembewegungen (Dawes 1970)
3. die fetale Lungenflüssigkeit
Ad 1.: Der Diving-(Taucher-) Reflex wird als ein Schutzreflex beschrieben, der beim Menschen dadurch ausgelöst wird, wenn Wasser die Rezeptoren der Gesichtshaut - um Mund und Nase- berührt. Es kommt zu einer Apnoe in Exspirationsstellung mit Epiglottisverschluss.
Ad 2.: Bereits im Uterus "übt" der Fötus das Atmen. Dabei wird aber keine Amnionflüssigkeit in die Lunge aspiriert, sondern es findet umgekehrt ein Nettoefflux von Lungenflüssigkeit aus dem Trachealraum in die Amnionhöhle, also in das Fruchtwasser, statt. Die endgültige Reabsorption der Lungen-Flüssigkeit ist erst bis zu 6 Stunden nach der Geburt abgeschlossen.
Ad 3.: Warum aspiriert der Fet nicht, wenn er Atembewegungen macht ?
Die fetalen Lungen sind bereits mit Flüssigkeit gefüllt, die von ihr selbst dort täglich bis zu einer Menge von 300 ml gebildet wird. Es herrscht ein positiver Druckgradient von 3-5 cm H2O über dem Larynx. Das Neugeborene braucht die Lungenflüssigkeit für sein Gefäßsystem, es füllt damit sein intravasales Blut-Volumen auf mit Verminderung des Hämatokrits.
Während der Geburt steigen verschiedene Hormone, speziell die Stresshormone (Katacholamine),wie Adrenalin und Noradrenalin an. Insbesondere Adrenalin bewirkt die Reabsorption von Flüssigkeit aus den Lungen (Alveolen und Kapillaren). Dieser Vorgang kann durch Betablocker gestoppt werden.
Es ist also wahrscheinlich, dass die verminderte Flüssigkeitsproduktion bzw zu frühe Reabsorption bei fetaler Hypoxie zumindest teilweise das Ergebnis vermehrter Stresshormonbildung ist, die dann zusammen mit verstärkter Atemtätigkeit einer Aspiration Vorschub leisten kann.
Die Lungenflüssigkeit beginnt sich bereits vor Wehenbeginn zu vermindern. Deshalb ist auch bei Neugeborenen aus sekundären Kaiserschnitten, d.h. nach Einsetzen der Wehen, die Lungenflüssigkeit ebenso reduziert wie bei vaginal entbundenen Kindern (cave nasse Lungen !).
Zusammenfassend kann festgestellt werden:
Wird ein Kind ins Wasser geboren, wirkt voll und ganz der Diving-Reflex. Die Lungenflüssigkeit wird nicht ausgepresst (infolge Kompression und Dekompression des Thorax) und hinterlässt kein Vakuum, sondern wird mit der beginnenden Atmung reabsorbiert.
Bei intrauteriner Azidose gelten andere Bedingungen da der Schutzreflex nicht funktioniert.
Es kommt zu einer verfrühten Flüssigkeitsreabsorption und zur verstärkten Atemtätigkeit, die zur Mekoniumaspiration oder zur Aspiration von Wasser in der Gebärwanne führen können.
Dr. Albin Thöni
Gynäkologie und Geburtshilfe
Krankenhaus Sterzing/Südtirol
St. Margarethenstr. 24, 39049 Sterzing/Italien
Tel. 0472/720417
e-mail: gynaekologie.sterzing@sb-brixen.it
März 2004
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