Gebären und geboren werden im Wasser
Neue Visionen
GEBÄREN und geboren werden im WASSER
Bericht nach 850, von den Hebammen "begleiteten"
Wassergeburten am Krankenhaus Sterzing
von Dr. med. Albin Thöni
Vorwort
In den Kulturen und Religionen der Erde wird das Wasser zumeist mit dem Weiblichen in Verbindung gebracht. Ohne Wasser keine Fruchtbarkeit und kein Leben. So gilt das Wasser als Symbol der Fruchtbarkeit schlechthin, auch des ewigen Lebens. Auch wir Menschen bestehen größtenteils aus Wasser und entwickeln uns vor unserer Geburt im Fruchtwasser schwimmend. Wir können somit als Kinder des Wassers angesehen werden.
Es ist mittlerweile klar erwiesen, dass das Baby bei der Geburt im Wasser durch einen zu diesem Zeitpunkt maximal wirksamen Schutzreflex, der von den primitiven Hirnstrukturen gesteuert wird, kein Wasser aspiriert, denn es beginnt erst außerhalb des Wassers beim ersten Kontakt mit der Luft zu atmen. Es ist auch eine Tatsache, daß sich Neugeborene mit fachgerechter Anleitung unter Wasser vorwärts bewegen können, lange bevor sie krabbeln oder gar gehen können.
Aufgrund dieser Erkenntnisse und Visionen für eine mehr frauenorientierte "sanfte" Geburtshilfe haben wir die Kreißsäle umstrukturiert und die Rahmenbedingungen geschaffen für "alternative" Gebärmöglichkeiten, insbesondere für die Geburt im Wasser.
Das Ziel dieser Untersuchung ist es, die verschiedenen, in unserem Krankenhaus möglichen, Gebärmethoden an Hand objektiver Parameter miteinander zu vergleichen und der Frage nachzugehen, ob es medizinische Vorteile für die Geburt im Wasser gibt. Dabei wird auch auf die Rolle der Hebamme als Spezialistin für die physiologische Geburt und die enge und fruchtbringende Zusammenarbeit zwischen Hebamme und Geburtshelfer zum Wohle der Gebärenden eingegangen.
Einleitung
Die Geburt eines Kindes ist heutzutage nicht mehr ein Zufallsereignis, sondern das große geplante Lebensereignis und die informierte Frau unserer Zeit wird dabei vorzugsweise jene Gebärabteilungen aufsuchen, in denen sie ihre Ansprüche am besten verwirklichen kann. Gefragt sind deshalb Visionen für eine Geburtshilfe die auch hinsichtlich Ambiente und Atmosphäre dem psychosozialen Ereignis der Geburt gerecht werden (1).
Vor wenigen Jahren haben wir auf die zunehmende Kritik der Gebärenden an bestimmten Entwicklungen der Geburtsmedizin, die die Geburt häufig zu einem unpersönlichen und von Technik bestimmten Ereignis gemacht hat, reagiert und die Kreißsäle umstrukturiert. Mit der Installation einer Gebärwanne und eines Gebärhockers haben wir die Rahmenbedingungen geschaffen nicht nur für sogenannte "alternative" Gebärpositionen und -möglichkeiten sondern insgesamt für eine Geburtshilfe, die den modernen Erfordernissen und den geänderten Ansprüchen der Frauen gerecht wird. Die Gebärende steht im Mittelpunkt. Das geburtshilfliche Team versucht sozusagen um ihre Wünsche und Bedürfnisse zu "kreisen" und sie letztlich als Partnerin im Sinne eines kundenorientierten Dienstleistungsbetriebes zu verstehen, nicht als zu entbindende Patientin (1, 2).
Die Verwirklichung dieser Ziele verlangt von allen MitarbeiterInnen einen großen persönlichen Einsatz (Abb. 1)
Abb. 1
Nicht zuletzt ist es unser Bemühen, alles zu tun, um das Geburtserlebnis für die gebärenden Frauen und deren Partner zu vertiefen und insbesondere die innige Mutter-Vater-Kind Beziehung, eben das Kennenlernen und Vertrautwerden zwischen der soeben neu entstandenen oder vergrößerten Familie, zu erleichtern. Zu diesem Zweck haben wir zwei Räume eingerichtet, in denen die junge Familie die Stunden bzw. die sensible Prägephase nach der Geburt gemeinsam und möglichst ungestört verbringen kann (2, 3).
Methode
An unserem Bezirkskrankenhaus konnten wir in den letzten fünf Jahren durchschnittlich 445 Geburten verzeichnen. Nach der Umgestaltung der Kreissäle und dem Einbau der Gebärwanne ist die Anzahl der Geburten insbesondere infolge des Zustromes von Gebärenden aus teilweise weit entfernten Gebieten von Jahr zu Jahr stetig angestiegen und hat sich auf ein Niveau über 450 jährlich stabilisiert (Abb. 2).
Abb. 2
In dieser Untersuchung haben wir die verschiedenen an unserer Abteilung möglichen Gebärmethoden bei den 838 Geburten im Wasser, bei 493 nicht selektionierten Geburten auf dem Kreißbett [unter Ausschluß der Gebärenden mit VE (Abb. 4) und BEL mit Manualhilfe (1,9%)],
und bei den im Zeitraum der letzten fünf Jahren erfolgten 172 Geburten auf dem Gebärhocker Maya anhand objektiver Parameter (die Geburtsdauer, die Dammschnitt- und Dammrissraten, den arteriellen Nabelschnur-ph-Wert, den Base Excess, das Gewicht, sowie das Blutbild im Wochenbett) miteinander verglichen.
Die Frauen entscheiden grundsätzlich selbst, ob sie ihr Kind in der Wanne, auf dem Kreisbett oder auf dem Hocker zur Welt bringen wollen. Sie wählen also jene Gebärposition bzw. den Gebärmodus frei aus, der ihnen in der jeweiligen Phase der Geburt am angenehmsten ist (2). Die Gebärende bleibt in der Wanne zu keinem Zeitpunkt unbeaufsichtigt und kann selbstverständlich von sich aus jederzeit die Geburt in der Wanne, in der sie möglichst nie länger als zwei Stunden ohne Unterbrechung verweilen sollte, abbrechen.
Die erste Wassergeburt erfolgte an unserer Abteilung im März 1997. Aufgrund des wachsenden Interesses für diese Gebärmöglichkeit konnten wir bis zum 31.12.2001 bereits die 838. Wassergeburt verzeichnen. Von zunächst 20% (1997) hat sich der entsprechende Anteil der Wassergeburten in den letzten zwei Jahren bei einer Frequenz über 45% eingependelt (Abb. 2 und Abb. 3).
Mittlerweile nehmen 70% aller Gebärenden zumindest einmal unter der Geburt die entspannende Wirkung des Wassers in Anspruch. Fünf Prozent lehnen von vorneherein eine Geburt im Wasser ab.
Abb. 3 und Abb. 4
Für die Geburt im Wasser gelten an unserem Haus die bekannten Ausschlußkriterien, an erster Stelle steht ein "suspektes" oder gar pathologisches CTG. Die kindlichen Herztöne werden zunächst außerhalb der Wanne kontrolliert und dann im Wasser zumeist intermittierend überwacht (2). Bei Bedarf wird auch eine kabellose Dauerüberwachung mit einer induktiven Übertragungstechnik durchgeführt. Auf diese Weise bleibt sowohl die Bewegungsfreiheit der Gebärenden in der Wanne erhalten, als auch die Sicherheit des Kindes weiterhin gewährleistet.
Nach Auswertung der letzten 30 Monate (01.07.1999 - 31.12.2001) durften 3,5% aller Gebärenden wegen eines "suspekten" CTG nicht in die Wanne, bei weiteren 4% des Wasserkollektivs wurde wegen neu auftretender CTG-Alterationen oder missfärbigem Fruchtwasser die Geburt im Wasser abgebrochen.
Das Durchschnittsalter der 838 Frauen, die bisher im Wasser geboren haben, betrug 30 Jahre und der Anteil der Erstgebärenden 45% (380 von 838) (Abb. 5), während der Anteil aller Erstgebärenden im untersuchten Fünfjahreszeitraum 51,7% erreicht.
Abb. 5
Ergebnisse
Die Geburtsdauer war bei den Frauen, die im Wasser geboren haben, deutlich verkürzt. Während sie bei den 458 Zweit- und Mehrgebärenden, im Vergleich zu den Geburten auf dem Kreissbett nur um 20 Minuten (250 zu 270) verkürzt war (2c), so war sie es bei den Erstgebärenden um 91 Minuten. Beim Vergleich der 380 Erstgebärenden im Wasser mit 271 auf dem Kreissbett ist ersichtlich, dass die Verkürzung der Geburtsdauer nur die Eröffnungsphase (EP) (386 zu 477 Minuten) betrifft (Abb. 6).
Die Austreibungsphase (AP) weist hingegen nur einen geringfügigen Unterschied auf (32 zu 39 und 35 Minuten).
Abb. 6: Erstgebärende: Dauer der Eröffnungsphase
Bei der Hockergeburt,für die das Interesse spürbar nachgelassen hat, (Abb.3) wurde die Dauer der Eröffnungsphase nicht mehr ausgewertet, da diese nicht auf dem Hocker stattfindet (2d).
Die Verkürzung der Eröffungsperiode könnte durch die bessere Entspannung und Elastizitätssteigerung des Beckenbodens in Folge der Wirkung des warmen Wassers erklärt werden. Zusätzlich tragen die halbaufrechte Gebärhaltung und die in der Wanne vermehrte Bewegungsfreiheit möglicherweise zu diesem Effekt bei.
An dieser Stelle muß jedoch erwähnt werden, daß bei der vertikalen Gebärhaltung eine genaue Unterteilung in Eröffnungs- und Austreibungsphase schwierig ist (4).
Alle 838 Babys, die im Wasser geboren sind, waren klinisch unauffällig.
In Bezug auf die relevanten kindlichen Parameter (arterieller Nabelschnur-pH-Wert, Base Excess und Gewicht) ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen den verschiedenen Gruppen, auch wenn die "Wasserbabies" im Durchschnitt einen besseren pH-Wert und Base Excess aufwiesen. Dies könnte durch die kürzere Geburtsdauer und durch die verminderte Stressatmung der Gebärenden in der Wanne erklärt werden. Das Kolorit dieser Babies war jedoch nicht "rosiger" im Vergleich zu den "Landbabies".
Auch von kinderärztlicher Seite wird aus den bisherigen Erfahrungen an unserem Krankenhaus bestätigt, daß die Geburt im Wasser aufgrund des beim reifen Kind maximal ausgebildeten Schutzmechanismus kein Risiko für die ungestörte Anpassung des Neugeborenen darstellt. Infektionen, speziell Aspirationspneumonien traten nicht auf und sind bei Beachtung der bekannten Gegenanzeigen auch nicht zu befürchten (5)
Dammschnitt- und Dammrissraten (Abb. 7)
Abb. 7
An unserer Abteilung wird die Indikation zur Episiotomie grundsätzlich restriktiv gestellt, sie ist keineswegs ein Routineeingriff (20,1% bei allen Erstgebärenden die in den letzten beiden Jahren spontan geboren haben, sowie 3,9% bei den Zweit- und Mehrgebärenden). Dies geschieht ganz im Sinne der gebärenden Frauen und im Einklang mit der Einstellung der Hebammen (die befugt sind, soweit erforderlich, den Dammschnitt durchzuführen) und der Geburtshelfer. Die bis vor wenigen Jahren genannten Vorteile der Dammschnitte werden inzwischen in zahlreichen Untersuchungen in Frage gestellt (6-9).
Aufgrund der zunehmend strengeren Indikationsstellung ist die Frequenz der Dammschnitte (Abb. 4) auch bei den Erstgebärenden, die auf dem Kreißbett geboren haben, im Untersuchungszeitraum von zunächst 30% (2c) auf 25% abgesunken. Die Ergebnisse nach 838 Wassergeburten sprechen für sich. Die 5 Dammschnitte (5 von 838 = 0.60%) wurden zu Beginn unserer Erfahrungen rund um die Wassergeburt vorgenommen, mittlerweile werden an unserer Abteilung in der Wanne keine Dammschnitte mehr durchgeführt, da sie erstens selten notwendig und zweitens aufgrund der halbaufrechten Haltung der Gebärenden nicht leicht durchzuführen sind.
Auch ist es schwierig in der Wanne einen vernünftigen Dammschutz vorzunehmen. Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen und neuerer Untersuchungen kann auf ihn verzichtet werden (10). Das signifikante Einsparen an Dammschnitten bei den Wassergeburten ging indes nicht zu Lasten von vermehrten Dammrissen, diese sind beim Wasserkollektiv sogar seltener. Bei 59% der Erstgebärenden im Wasser (225 von 380) war weder ein Dammschnitt noch ein Dammriss zu verzeichnen gegenüber 36% im Kreißbett und 46% auf dem Hocker (Abb. 7).
Grafischer Gesamtüberblick nach
838 Geburten im Wasser,
493 Geburten auf dem Kreißbett
und 172 Geburten auf dem Hocker
Abb. 8
Um eine erhöhte Dammrissrate zu vermeiden, ist selbstverständlich die Kunst der Hebamme gefragt, die Gebärende in der Austreibungsphase möglichst nicht aktiv "nach alter Schule" zum Pressen anzuleiten und bei entsprechender Situation den Kopf des Kindes zumal bei der Mehrgebärenden zurückzuhalten bzw. die Geschwindigkeit beim Durchtritt des Kopfes zu regulieren. Das Kind muß nicht in einer einzigen Wehe geboren werden! Die traditionelle Art des Pressens mit Luftanhalten und forciertem Druck nach unten ist bei der vertikalen Gebärhaltung unnötig und ungünstig (4).
Bei den 838 Frauen, die in der Wanne geboren haben, mußte kein Schmerzmittel verabreicht werden, da die entspannende und schmerzlindernde Wirkung des Wassers offensichtlich ausreichend wirksam war; nur bei 4,2% der Frauen, die ursprünglich in der Wanne waren, wurde außerhalb eine Periduralanästhesie zur Schmerzlinderung angelegt und bei weiteren 1,5% die nie in der Wanne waren. Dies bedeutet, dass an unserem Krankenhaus nur bei 5,7% aller Gebärenden eine PDA durchgeführt werden muss bzw. diese Analgesieform von den Frauen gewünscht wird.
Auch auf die Gabe von Wehenmitteln konnte bei den Wassergeburten verzichtet werden, wobei zu bemerken ist, daß an unserem Hause prinzipiell keine Venenkatheter in der Wanne gelegt werden, einerseits um den natürlichen Ablauf der Geburt nicht zu stören, andererseits um eine mögliche Eintrittspforte für Infektionen zu vermeiden. Im Durchschnitt wurden im Fünfjahreszeitraum bei 14,1% der Gebärenden sub partu Wehenmittel (Syntocinon) verabreicht.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Alternative Gebärpositionen und Gebärmöglichkeiten, insbesondere die Wassergeburt, geben immer noch Anlass zu teilweise emotionell geführten Diskussionen und kritischen Äußerungen von Vertretern der Geburtsmedizin (11), die mit ihrer Verurteilung der Wassergeburt geradezu an die Inquisition im tiefsten Mittelalter erinnern, so als ob geburtsmedizinische Dogmen verteidigt werden müssten (2a).
Die Kritik an der Durchführung von Wassergeburten beruht auf Vorstellungen, die dem heutigen Kenntnisstand der fetalen Physiologie und der respiratorischen Anpassung des Neugeborenen nicht entsprechen.
Es wird befürchtet, daß es zu einer Aspiration des Kindes bei der Wassergeburt kommen könnte. Diese Annahme ist falsch. Nur bei der intrauterinen Azidose sind alle Schutzfunktionen, d.h. der sogenannte Taucher- oder Luftanhaltereflex, von Seiten des Babys verändert bzw. nicht gewährleistet. Dieser Reflex, der von primitiven Hirnstrukturen gesteuert wird, verhindert, daß Wasser in die Lunge eindringt. Er ist beim reifen Baby maximal wirksam und scheint erst im Alter von etwa 4 Monaten nachzulassen (13). Selbst wenn pathogene Keime im Wasser vorhanden wären, könnten sie aufgrund dieses Schutzmechanismus, nicht in die Lunge eindringen und eine Infektion verursachen. Erst nach dem ersten Kontakt des kindlichen Kopfes mit der Luft erlöscht dieser Schutzreflex, der über die Hautrezeptoren des Gesichtes vermittelt wird (13, 14).
Wir glauben, daß die Wassergeburt ihre Außenseiterrolle verlieren und in den nächsten Jahren einen festen Platz in unserer Geburtshilfe einnehmen wird (12-15). Gerade die Wassergeburt geht über die Ziele einer sanften Geburt noch hinaus.
Sie ist eine auf möglichst wenige Interventionen beruhende, frauenfreundliche Geburtshilfe und führt deshalb auch zu einer hohen Zufriedenheit der Mütter (2a). Die Hebammen bleiben dabei selbstbewußter und motivierter. Das Ziel für die Hebammen und die Geburtshelfer muß es sein, die Frauen zu einem schönen und selbstbestimmten Geburtserlebnis zu verhelfen und dies ist vorzüglich bei der Geburt im Wasser gewährleistet.
Die Hebamme begleitet als Spezialistin für die physiologische Geburt die Gebärende im Wasser, während der Geburtshelfer sich mehr im Hintergrund halten kann. Dies bedeutet, daß es wieder zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Hebammen und den Geburtshelfern kommen muß mit horizontaler Arbeitsteilung ohne Konkurrenzverhältnis beider Berufsgruppen. Insgesamt steht für uns sozusagen die "Hausgeburt" in der Klinik als Ziel vor Augen, d.h. ein familienorientiertes und zugleich sicheres Konzept in der Geburtshilfe. Dabei stellt die Wassergeburt nur einen Teil eines ganzheitlichen Konzeptes dar und das Wohlergehen des Babys bleibt immer die Richtschnur jeder erfolgreichen Geburtshilfe.
Nur ein Ausgleich, die wiedergefundene Harmonie zwischen der Geburtsmedizin und der Geburtshilfe mit menschlichem Antlitz wird in Zukunft erfolgreich sein.
Dr. Albin Thöni
Gynäkologie und Geburtshilfe
Krankenhaus Sterzing/Südtirol
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