Weibliche Potenz und Stärke
Ein Leitkonzept in der Frauenberatung

Potenz und Stärke als Qualität einer "Patientin" oder eines "Patienten" scheint heute in vielen Arztpraxen noch nicht unbedingt erwünscht. Das appella Informations- und Beratungstelefon jedoch hat diese beiden Begriffe zu Grundpfeilern seiner Telefonberatung gemacht.

Ich möchte zunächst - vielleicht etwas klischeehaft überzeichnet, aber nicht ganz aus der Luft gegriffen, wie unsere fast 8-jährige Beratungstätigkeit zeigt - die heutige Situation in einer durchschnittlichen Arztpraxis beschreiben: Geht eine Frau zum Arzt / zur Ärztin, so ist der Grund meistens der, dass in ihrem Körper Dinge vor sich gehen, für die sie den Rat einer Fachperson braucht; einer Fachperson, deren Kompetenz sie als solche anerkennt und sich somit in eine Abhängigkeit begibt.

Wenn sie Glück hat, wird sie vom Arzt / der Ärztin im Wartezimmer abgeholt, hat sie Pech, muss sie bereits im Untersuchungszimmer auf den Arzt / die Ärztin warten. Hat sie grosses Pech, so muss sie dies bei einer gynäkologischen Untersuchung bereits mit entblösstem Unterleib tun. Meist schliesst sich an die körperliche Untersuchung ein Beratungsgespräch an, das allerdings sehr verschieden gestaltet sein kann. Hat sie Glück, wendet sich der Arzt / die Ärztin ihr zu, hört ihr zu, stellt Fragen, nimmt ihre Äusserungen ernst und probiert aufgrund der Untersuchungsergebnisse und den Schilderungen der Frau die geeignete Behandlung zu finden. Hat sie Pech, erschöpft sich das Beratungsgespräch in ein paar allgemeinen Sätzen, die die individuelle Situation der Frau überhaupt nicht berücksichtigen. Fragen werden keine gestellt (schliesslich weiss er / sie als medizinische Fachperson, was für "seine / ihre" Patientin das Beste ist!) und Medikamente werden verschrieben, ohne die Wünsche oder Zweifel der Frau wahr bzw. ernst zu nehmen. (Ganz besonders häufig und auch besonders gefährlich ist dies bei der Hormonersatztherapie der Fall.) Oft verlässt die Frau die Praxis mit dem Gefühl, überfahren worden zu sein, nicht ernstgenommen worden zu sein, ausgeliefert zu sein und vor allem relativ wenig zu verstehen. Oft hat sie sogar das Gefühl, sie dürfe doch Herrn oder Frau Doktor die wertvolle Zeit nicht mit irgendwelchen "dummen" Fragen stehlen, schliesslich fühlt sie sich "eigentlich" diagnostisch und technisch hervorragend betreut und hat volles Vertrauen zu ihm / zu ihr. Wir Frauen haben das Bild der ärztlichen Autorität oft so verinnerlicht, dass wir eher unser Verhalten als Patientin hinterfragen als das des Arztes / der Ärztin.

Angesichts der heutigen medizinischen Entwicklung braucht es aber dringend "Patientinnen", die ihre eigene Position nicht mehr hinterfragen, sondern ihr Wissen über ihren Körper ernstnehmen und als wahr anschauen. Sie müssen die Potenz entwickeln, aufgrund umfassender Information zu entscheiden, was gut für ihren Körper und für ihre Seele ist, und sie müssen die Stärke entwickeln, dies den MedizinerInnen gegenüberzustellen. Der Arzt / die Ärztin bleibt weiterhin Fachperson in medizinischen Fragen, die über Medikamente und medizinische Therapien am besten Bescheid weiss, aber die Frau muss mitentscheiden können, ob der vorgeschlagene Weg der richtige für sie sein wird. Diese Entscheidungsfähigkeit bedingt angesichts der rasanten medizinischen Entwicklung eine umfassendere und qualitativ andere Beratung, als dies in einer Arztpraxis möglich ist. Einschränkend ist zum Beispiel, dass der Arzt / die Ärztin Interessenpartei ist, er / sie vertritt eine bestimmte Art von Medizin, die ihn / sie überzeugt. Vielleicht vertritt er / sie auch finanzielle Interessen in Zusammenarbeit mit einer Pharmafirma, und schlussendlich sind die Tarife für ausführliche Beratungsgespräche nicht allzu verlockend.

All dies waren Motive für die Gründung des appella Informations- und Beratungstelefons am 8. März 1994. Es wurde im Juni 1993 auf Initiative der MoZ - Mutterschaft ohne Zwang ins Leben gerufen und ist als unabhängiger und konfessionell neutraler Verein konstituiert. Es ist eine Anlaufstelle zu verschiedensten Fragen bezüglich eines frauenfreundlichen Umgangs mit Medizin und Gesundheit und richtet sich in erster Linie an Frauen und Paare. Es ist uns wichtig, vor allem auch diejenigen Frauen zu erreichen, die nach dem Besuch bei einer Ärztin oder einem Arzt noch Fragen haben, mit denen sie sich bisweilen alleingelassen fühlen.

Als Informationspool erstreckt sich appella über den gesamten Bereich von Schwangerschaft, Schwangerschaftsvorsorge (Pränataldiagnostik), Geburt, Schwangerschaftsnachsorge, ungewollter Schwangerschaft, Verhütung, ungewollter Kinderlosigkeit und Wechseljahren, also über den gesamten Bereich der reproduktiven Gesundheit der Frau. Es vermittelt ausgewählte Fachleute und Fachstellen aus der Schul- und Komplementärmedizin, Psychologie und Psychotherapie und informiert und berät zu den obengenannten Themen. Die appella Frauen bieten eine sofortige unentgeltliche und unabhängige Aufklärung und Beratung. Im Gegensatz zu medizinischen Fachpersonen sind sie keiner medizinischen Richtung verpflichtet und haben auch keine finanziellen Interessen an der Durchführung einer bestimmten Therapie, ihre Beratungsgrundlage ist generell die Potenz der anrufenden Frau. Dies ermöglicht eine unabhängige Beratung, die über verschiedene Seiten einer Behandlung informiert, die nicht nur die Vorteile sondern auch die Einschränkungen oder Nachteile nennt. appella bietet Informationen über alternative Behandlungsmöglichkeiten oder ermutigt zum Hinterfragen und evt. zur Verweigerung einer Therapie, unter Umständen auch zum Wechseln der Arztpraxis. Beides Schritte, die viele Frauen gar nicht als Möglichkeit in Betracht ziehen aus Angst, "ihren" Arzt / Ärztin zu kränken.

appella geht von dem Grundsatz aus, dass umfassende und unabhängige Information Frauen zu einer mündigen Entscheidung verhilft. Diese Information verläuft auf verschiedenen Kanälen. An erster Stelle steht das persönliche Gespräch am Telefon unter der Nummer 01 273 06 60. Ferner existiert unter www.appella.ch eine website, die recht ausführlich Informationen zu allen Bereichen enthält, zu denen appella berät. Und drittens hat appella in Zusammenarbeit mit dem Aktionsforum MoZ zwei Broschüren herausgegeben ( eine zur Pränataldiagnostik und eine zu den heute üblichen Sterilitätstherapien und ihren Alternativen), die bei appella, Postfach 1904, 8026 Zürich, gratis bezogen werden können.
"Potenz und Stärke in der Frauenberatung" bezieht sich also einerseits auf das Beratungsziel, nämlich auf die Unterstützung dieser Qualitäten bei der anrufenden Frau.

Andererseits umschreibt der Titel auch Qualitäten der beratenden Frau: neben einer fundierten Ausbildung im Sozialbereich und beruflicher Erfahrung bringen die appella Frauen die Stärke der Solidarität und des Mitwissens von Frauen in die Beratung mit ein. Das heisst nicht, dass nicht auch wir Frauen aufgefordert sind, der anrufenden Frau genau und empathisch zuzuhören, um ihre Situation verstehen zu können. Es bedeutet aber, dass wir aufgrund unseres Frauseins eine gemeinsame Sprache sprechen, die keine "Übersetzung" braucht. Frauenspezifische Beratung ist getragen von der Einstellung, dass Bruchstellen oder Veränderungen in der weiblichen Entwicklung (Menstruation, Schwangerschaft, Wechseljahre) keine Krankheiten sind, sondern Phasen weiblicher Potenz. Frauen beraten Frauen heisst ferner, dass zwischen der anrufenden Frau und der Telefonberaterin kein hierarchisches Gefälle besteht, dass die anrufende Frau als Fachfrau über ihre Biografie angesehen und ernstgenommen wird und dass sie entscheiden kann, welche Schritte sie gehen will. Frauenspezifische Beratung arbeitet mit den Ressourcen und nicht mit den Ängsten der anrufenden Frau. (Dies ist ein besonders wichtiger Punkt in der Beratung bei Pränataldiagnostik, wo die heutige Schulmedizin uns Frauen suggeriert, Schwangerschaft sei vor allem ein Risikozustand, den es zu überwachen gilt.)

Indem wir appella Frauen uns der nichtdirektiven Beratung verschrieben haben, gelingt es uns relativ rasch auch bei den schwierigen Tabuthemen wie ungewollter Kinderlosigkeit oder Wechseljahren via Telefon eine Vertrauensbasis aufzubauen, indem wir in erster Linie zuhören und verstehen. Durch das Nachzeichnen der Aussagen der Frau unterstützen wir ihr Empfinden und Selbstbewusstsein und vergrössern somit ihre Eigenverantwortlichkeit. Diese Eigenverantwortung macht die Frau potenter im Umgang mit ihrem Körper, vergrössert ihre Entscheidungsfähigkeit und gibt ihr die Stärke, die Verantwortung für den eigenen Körper aufgrund ihrer mündigen Entscheidung zu behalten und nicht den MedizinerInnen zu übergeben.

Eine grosse Stärke der Beratung am Telefon ist, dass es sich um ein sehr niederschwelliges Angebot handelt. Die Anrufenden können anonym bleiben, sie können zu Hause in ihren eigenen vier Wänden über ihre Fragen oder Probleme reden und sie müssen ausser der Gesprächsgebühr nichts zahlen. Ferner garantiert das Telefon zu den angegebenen Zeiten eine hohe Erreichbarkeit.

Information und Eigenverantwortung heisst immer zugleich auch Prävention. Eine gut informierte, selbstbewusste Frau fordert ihr angepasste Massnahmen, die auf das nötige Mass beschränkt bleiben. Dies kommt unserem gesamten Gesundheitswesen zu Gute, da ein solches Verhalten hilft, Kosten zu sparen.

Das appella Info- und Beratungstelefon ist vier Stunden wöchentlich während des gesamten Jahres besetzt. Die jeweiligen Beratungszeiten werden per Band unter der appella Nummer 01 273 06 60 bekanntgegeben. Grundlage der Vermittlungstätigkeit ist unser ständig aktualisiertes und erweitertes Fachleute- und Fachstellenverzeichnis. Es umfasst die Berufsgruppen der Hebammen, Geburtsvorbereiterinnen, ÄrztInnen, PsychologInnen / PsychiaterInnen sowie Fachleute aus dem Bereich der Komplementärmedizin. Ausserdem sind im Fachleuteverzeichnis Beratungsstellen zu den eingangs aufgeführten Bereichen, Selbsthilfegruppen (z.B. zum Thema ungewollte Kinderlosigkeit) und Behindertenorganisationen enthalten, zu denen wir ebenfalls Kontakte schaffen.

Eine weitere Stärke des appella Informations- und Beratungstelefons ist seine Unabhängigkeit von sämtlichen medizinischen und staatlichen oder kirchlichen Institutionen. Dieser Punkt unterscheidet appella von praktisch allen anderen Beratungsstellen auf diesem Gebiet. Dies kann eventuell eine Rolle spielen bei der Anerkennung in Bezug auf das Bundesgesetz über genetische Untersuchen, in dem die Beratung durch unabhängige Beratungsstellen gefordert ist. Allerdings hat diese Unabhängigkeit bis jetzt einen sehr hohen Preis: sie fordert von uns appella Frauen eine Unzahl gratis geleisteter Arbeitsstunden, da wir uns auf keinerlei Subventionen verlassen können. Die Anerkennung als unabhägige Beratungsstelle aufgrund des obenangeführtes Bundesgesetzes Art. 14, Abs. 3 kann hier vielleicht eine Änderung bringen.

Monnika Rothacher-Müller und Franziska Wirz,
appella Teamfrauen

appella Informations- und Beratungstelefon
Postfach 1904
8026 Zürich
Telefon 01 273 06 60
www.appella.ch

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