Die Zwillingsgeburt

von Sigrun Rux

Wenn eine Frau Zwillinge erwartet, tauchen plötzlich eine Menge Fragen auf, die in einer "normalen" Schwangerschaft oft gar nicht zur Debatte stehen. Kann ich meine Geburt normal erleben oder muss es unbedingt ein Kaiserschnitt sein? Werde ich sanft entbinden können und wo ist der geeignete Ort, die Zwillinge zur Welt zu bringen? Bei vorsorglicher Betreuung durch einen erfahrenen Arzt oder eine Hebamme verlaufen die meisten Zwillingsgeburten ohne Komplikationen. Dennoch gibt es einige zusätzliche Aspekte, die Sie mitbedenken sollten.

Geburtsvorbereitung

Das Sammeln von Informationen über die Geburt hilft, entspannter auf den großen Tag zuzugehen, für die meisten wird dadurch das Geburtserlebnis positiver empfunden. Die Geburtsdauer ist von vielen persönlichen Faktoren der Gebärenden anhängig und variiert entsprechend. Es ist zwar anstrengender, zwei Babys auf einmal auf die Welt zu bringen, aber keinesfalls ist es doppelt so schmerzvoll wie eine einfache Geburt. Ein gewisser Vorteil kann sogar darin gesehen werden, dass die Köpfchen der Babys sehr oft kleiner sind, wodurch sie leichter geboren werden können.

Geburtsmethoden

Sie sollten sich bei einer Mehrlingsgeburt auf etwas mehr High-Tech einstellen als bei einer "einfachen" Geburt, doch das geschieht nur zur optimalen Sicherheit ihrer Babys. Da jede Zwillingsgeburt unter den Begriff Risikogeburt fällt, ist es vernünftig, sinnvolle, medizinische Maßnahmen wie zum Beispiel die fetale Überwachung beider Kinder mit dem Herztonwehenschreiber (CTG) oder sogar zwei CTG-Apparaten zu akzeptieren. Auch das vorsorgliche Anlegen einer Venenkanüle oder eine notwendige Infusion, zum Beispiel Antibiotika, sollte man nicht von vornherein ablehnen. Wenn keine akuten Probleme für Mutter und Kinder auftauchen, die schnelles Handeln erforderlich machen, kann die Gebärende jedoch in vielen Kliniken diverse Möglichkeiten im Kreißsaal nützen, die zu ihrer Entspannung und ihrem Wohlbefinden beitragen. Die begeleitende Hebamme wird der werdenden Zwillingsmutter während der Eröffnungsphase helfen, durch Massagen, Anleitungen zum richtig Atmen oder durch ein paar aufmunternde Worte, den Wehenschmerz besser zu verarbeiten. Eine Hausgeburt ist bei Zwillingen schon alleine wegen der möglichen Risiken für die neugeborenen Babys nicht ratsam, aber auch die ambulante Geburt könnte mehr Nachteile als Vorteile nach sich ziehen. Denn auch wenn keine Notsituation eintritt, könnten postpartale Probleme (Depression, starke Blutungen, Stillprobleme) auftauchen, die entsprechende Betreuung oder Hilfe in einer Klink notwendig machen.

Normalgeburt oder Kaiserschnitt

Wenn Sie Zwillinge erwarten, spricht im Grunde nichts gegen eine vaginale Geburt, sofern es Ihnen gut geht und kein Notstand bei den Kindern erkennbar ist. Viele Zwillingsgeburten erfolgen auf "normalem Weg" und ohne Komplikationen. Immerhin ist bei 47% der Zwillingsschwangerschaften eine ideale Ausgangsposition vorhanden: beide Kinder liegen mit dem Kopf voran. Üblicherweise wird eine vaginale Entbindung angestrebt, wenn sich das erste Kind in Schädellage befindet, und das zweite in Schädel- oder Beckenendlage (Steißlage). Bei Beckenendlage des ersten Kindes wird üblicherweise ein Kaiserschnitt durchgeführt. Wenn Sie aber unbedingt vaginal entbinden möchten und schon Kinder geboren haben, sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber, damit er Sie auch über die möglichen Komplikationen aufklärt.

Zwillingsgeburt: Was ist anders ?

Der erste Geburtsabschnitt, die Eröffnungsperiode, kann etwas länger dauern als bei Einlingen, unterscheidet sich sonst aber kaum von einer "einfachen" Geburt. Dieser Zeitabschnitt ist der längste der Entbindung und endet, wenn der Muttermund (Zervix) vollständig geöffnet ist. Manchmal wird die Fruchtblase des ersten Kindes künstlich "gesprengt" (geöffnet), um eine stärkere Wehentätigkeit auszulösen. Durch den Austritt des Fruchtwassers aus der Fruchtblase lässt die Spannung der Gebärmutterwand nach, was intensivere Wehen auslöst. Außerdem sinkt dadurch der "erste" Zwilling tiefer und drückt auf den Muttermund, was wiederum die Ausschüttung der wehentreibenden Hormone Oxytocin und Prostaglandin bewirkt. Sofern es den Babys während der Geburt gut geht, kann die Gebärende jede Position einnehmen, in der sie sich am besten entspannen kann. Viele Ärzte raten bei der Geburt von Zwillingen allerdings zu einer Entbindung in der klassischen Liegeposition, da sie den Geburtsvorgang so besser beobachten und im Notfall schneller eingreifen können.

Die Austreibungsperiode, die eigentliche Geburt, ist der "aktive" Teil für die Zwillingsmutter, für viele aber auch der schwierigste. Hier kann auch die Hebamme viel zu einem positiv empfundenen Geburtserlebnis beitragen, indem sie die Gebärende in der Pressphase auffordert, während der Wehen mit aller Kraft zu pressen. Wenn notwendig legt der Geburtshelfer zu dieser Zeit den Dammschnitt an. Dadurch wird die Geburtsöffnung erweitert und ein Reißen des Gewebes verhindert. Ist das Köpfchen und die Schultern einmal geboren, folgt der restliche Körper ganz leicht nach. Der erstgeborene Zwilling wird meist sofort abgenabelt, damit sich das Geburtshilfeteam voll und ganz auf das zweite Kind konzentrieren kann. Manchmal wird das Neugeborene auch gleich vom Kinderarzt untersucht und dann erst der Mutter übergeben.

Die Dauer zwischen der Geburt des ersten Babys und seinem Zwillingsgeschwisterchen kann variieren, sollte aber dreißig Minuten nicht überschreiten. Meistens wird eine rasche Entbindung des zweiten Babys mittels Blasensprengung angestrebt, da sich nach der Geburt des ersten Kindes die Sauerstoffversorgung des zweiten verschlechtern kann. Die Ursachen dafür liegen hauptsächlich in der Verkleinerung der Gebärmutter durch erneut einsetzende Wehen oder den Druck des zweiten Kindes auf die Nabelschnur. Da der Geburtsweg durch das erstgeborene Kind schon ausgedehnt ist, kann das zweite Kind fast immer mühelos hinausgleiten. Sollte "Nummer 2" jedoch trödeln, wird der Arzt wahrscheinlich ein Wehenmittel anwenden. Nur bei Geburtsstillstand ist es notwendig mit Saugglocke oder Geburtszange nachzuhelfen. Beim Zweitgeborenen kann mit der Abnabelung mitunter auch etwas gewartet werden. Oft wird dann auch dem Vater angeboten, die Nabelschnur zu durchtrennen. Für die Zwillingsmutter endet diese Phase mit dem Höhepunkt, der Geburt zweier Babys. Die Dauer der Austreibung kann zwischen 15 Minuten und einer Stunde betragen.

In der Nachgeburtsphase kann es gerade bei einer Zwillingsgeburt zu einer stärkeren Blutung kommen, da die Kontraktionen der Gebärmutter aufgrund der Überdehnung oft nicht stark genug sind, weshalb manchmal vorsorglich Medikamente verabreicht werden, die die Gebärmutter zur Kontraktion anregen.

Wann wird ein Kaiserschnitt gemacht ?

Meist werden bei Risikogeburten, zu denen auch jede Mehrlingsgeburt zählt, von vornherein alle Vorbereitungen für einen eventuellen Kaiserschnitt getroffen, da bei der Entbindung jeder Zeit Schwierigkeiten auftreten können. Die häufigsten Gründe, die einen Kaiserschnitt erforderlich machen sind Beckenendlage (des ersten Kindes) oder Querlage, Schwangerschaftsvergiftung, Plazenta praevia (Plazenta versperrt die Geburtswege), Geburtsdauer von 16 bis 18 Stunden oder jeglicher fetale Notstand, der während der Geburt auftritt und durch ein CTG-Gerät signalisiert wird (z.B. Mangel an Sauerstoffzufuhr durch Nabelschnurvorfall), sowie Drillinge und Vierlinge. Aber auch wenn eine frühere Geburt ein Kaiserschnitt war, muss das nicht automatisch bedeuten, dass für die Zwillinge ebenfalls eine Schnittentbindung erforderlich wird.

Welche Komplikationen können bei der Zwillingsgeburt auftreten

Bei der Zwillingsgeburt muss ein größeres Komplikationsrisiko als bei einer "einfachen Geburt" einkalkuliert werden. Bei einer vorausschauenden Geburtshilfe treten jedoch heutzutage nur noch sehr selten unvorhergesehene Probleme während der Geburt auf. Zu den häufigsten Problemen während der Zwillingsgeburt gehören Wehenschwächen, die aufgrund der stark überdehnten Gebärmutter in jeder Phase der Geburt auftreten können, was eine vorsichtige Steuerung der Wehentätigkeit durch Oxytocininfusion notwendig macht. Auch Lageanomalien treten bei Zwillingen häufiger auf, wobei der zweite Zwilling deutlich stärker betroffen ist als das führende Kind. In den meisten Fällen, wird eine ungewöhnliche oder ungünstige Lage eines oder beider Kinder jedoch rechtzeitig durch Ultraschall erkannt und ein Kaiserschnitt geplant. Eine seltene, bevorzugt bei eineiigen Zwillingen auftretende Komplikation, ist die Zwillingskollision, entweder in Form von Verhakung oder Verkeilung der Kinder. Ein Arzt mit Erfahrung kann unter Umständen, den höherstehenden Kindesteil mit der Hand zurückschieben und so die Geburt vaginal beenden. Führt diese Vorgehensweise nicht zum Erfolg, muss ein Kaiserschnitt durchgeführt werden. Die Gefährdung der Kinder durch Sauerstoffmangel oder eine plötzlich anhaltende Verschlechterung der Herztöne des zweiten Kindes ist vor allem dann gegeben, wenn der Geburtsvorgang nur sehr langsam voranschreitet. Ebenso können Nabelschnurkomplikationen, die vor allem bei eineiigen Zwillingen auftreten, und die Gefahr der vorzeitigen Plazentaablösung nach der Geburt des ersten Kindes eine sofortige operative Geburtsbeendigung erforderlich machen.

Sigrun Rux ist Mutter von Zwillingen und einer weiteren Tochter.
Sie ist als freie Journalistin mit Spezialgebiet Medizin und Psychologie tätig.
Auf ihrer Website finden Sie neben weiteren interessanten Themen auch ein Forum für Mehrlingseltern:


Zwillinge in Österreich
http://www.zwillinge.at

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